Eine Antwort auf den „an.schläge“-Artikel „Kartoffeln mit Falafel-Fetisch“

Neulich fand ich im Netz einen kleinen Text zum Thema „Palästinensertuch“ (auch bekannt unter dem Namen Kufiya). Da mein kritischer Kommentar zu dem Text bei Facebook leider direkt gelöscht wurde, nehme ich mir hier mal die Zeit und den Raum zu schreiben, warum ich den Text kritisiere. Erschienen ist er im Mai 2015 unter dem Titel „Kartoffeln mit Falafel-Fetisch“ im österreichischen Magazin „an.schläge“. Alle Zitate aus dem Text sind hier kursiv wieder gegeben.

Eine Freundin von mir hat Hausverbot in diversen linken Räumen, weil sie sich als Muslima mit ihren Brüdern und Schwestern in Palästina solidarisiert und das durch das Tragen einer Kufiya sichtbar macht.

So, so. Wurde wirklich ein Hausverbot ausgesprochen oder wurde die Frau gebeten, das Tuch einfach abzulegen? Ich kenne Räume in Berlin, die keine Palästinensertücher dulden, von Hausverboten ist mir aber nichts bekannt. Aber vielleicht geht es im Text ja auch gar nicht um Berlin. Ist „Brüder und Schwestern“ in Verbindung mit dem Wort „Muslima“ so zu verstehen, dass alle, die dem Islam angehören, sich als eine große Familie betrachten? Sind dann die vom Islamischen Staat auch die „Brüder“ der Freundin? Oder nur die von der Hamas?

Eine Kufiya, auch bekannt als „Pali-Tuch“, sei ein Symbol des Antisemitismus, so der Vorwurf. Das stimmt mitunter auch. Zum Beispiel, wenn Nazis sie sich aneignen und tragen. Dann ist das sogar sehr einschlägig antisemitisch.

Aha, das Tuch ist nur dann antisemitisch, wenn es von Nazis getragen wird. Und was ist mit dem Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini? Der war Muslim, Araber, kollaborierte mit den Nationalsozialisten, unterstützte die SS und war strikter Befürworter der Ermordung der Juden in Europa. Der Großmufti liebte die Kufiyah, er sah darin ein Symbol des Vernichtungswunschs gegenüber den Juden und verlangte unter Strafandrohung, es sollten gefälligst alle Araber eins tragen. Ganz sicher, dass er kein Antisemit war? Und dass das Tuch nicht bis heute in dieser Tradition verwendet wird? Wirklich ganz sicher? Warum?

Aber sie ist kein Fascho, sondern eine muslimische Frau of Color, die alles andere als antisemitisch ist.

Auch muslimische Frauen of Color können antisemitisch sein. das eine schließt doch das andere nicht aus. So ein Quatsch!

Die Kompetenz zu differenzieren fehlt allerdings vielen weißen Linken, insbesondere Antideutschen.

Die Kompetenz zu differenzieren fehlt leider ganz vielen Menschen. Das ist kein Alleinstellungsmerkmal weißer Linker.

Antideutsche sind für mich grundsätzlich ein steinhartes Pflaster. In der Regel sind es Kartoffeln in ihrer natürlichsten Form, weiße Deutsche mit übertriebenem Israel-Fetisch. Sie eignen sich jüdische Symbolik an, schwingen in patriotischer Manier Israel-Flaggen und wählen zu Teilen sogar die CDU, weil Angela Merkel irgendwann mal bedingungslose Solidarität mit Israel ausgesprochen hat.

Ähm, wie war das noch mal mit der Kompetenz zu differenzieren? Politische Einstellungen sind nicht Teil der Natur, so etwas wächst nicht auf Bäumen. Es gibt nicht die Antideutschen. Eigentlich handelt es sich dabei um einen Kampfbegriff, den israel-solidarische Leute nach meinem Beobachtungsstand so gut wie gar nicht für sich selbst verwenden. Ja, auf pro-israelischen Demos sind Davidssterne und Israel-Flaggen zu sehen. Sie werden als Symbole genutzt, um Solidarität zu zeigen. Was das mit „Aneignung“ zu tun hat, verstehe ich nicht. Ist es dann eigentlich auch eine „Aneignung“, wenn Nicht-Palästinenser die Kufiya tragen? Ja, es gibt auch eine durch Springer-Medienkampagnen und Teile der CDU befürwortete Israel-Solidarität. Aber daraus den Schluss zu ziehen, dass dann ja wohl viele Freund_innen Israels CDU wählen, ist schon wieder Unsinn.

Antideutsche Kartoffeln sind jene, die immer über den Nahostkonflikt sprechen möchten, als gäbe es nur einen einzigen Krieg.

Komisch, nach meiner Wahrnehmung ist es komplett anders herum. Ich frage mich zum Beispiel seit geraumer Zeit, warum eigentlich so oft bei völlig unpassenden Gelegenheit das Nahost-Thema auf den Tisch gepackt wird. Egal um was es geht, Rassismus in Schulbüchern, die Lage der Refugees in der Ohlauer Straße, Christopher Street Day in Berlin – ein bisschen Zeit für Israel-Bashing ist doch immer. Als wenn es keine anderen Themen gäbe, Rassismus zum Beispiel, die Refugee-Probleme, die Homo-Rechte… Interessanterweise spricht da immer niemand über Syrien, dabei ist da seit Jahren Krieg. Muss wohl daran liegen, dass keine Juden beteiligt sind.

Doch alle jüdischen Personen und Leute aus Israel, die ich bisher getroffen habe, scheißen auf die Meinung und Solidarität von Leuten, deren Großeltern mit hoher Wahrscheinlichkeit noch am Holocaust beteiligt waren, und die sich heute schamlos mit Israelpatriotismus schmücken.

Viele jüdische Menschen oder Israelis meiden die Themen Nahost-Konflikt oder auch den Holocaust in oberflächlichen Gesprächen. Weil sie wissen, dass viele Menschen dazu Entsetzliches sagen. Vielleicht haben sie einfach keine Lust, sich beim Bier oder auf einer Party anhören zu müssen, dass das doch eigentlich ganz okay sei, sie alle zu vernichten (Hamas-Position). Oder dass sie als Einzelperson mal bitteschön die gesamte israelische Politik seit 1948 rechtfertigen müssen. Oder dass doch endlich mal Ruhe sein muss mit dieser Shoah. Übrigens ist es durchaus möglich israel-solidarisch zu sein, wenn die eigenen Großeltern NS-Verbrechen begangen haben, warum denn nicht? Für manche ist die deutsche Vergangenheit ein Anlass, besonders sensibel für Antisemitismus zu sein und einzuschreiten, wenn auf Straßen in Deutschland „Juden ins Gas“ gebrüllt wird. Also, ich finde das gut.

Die meisten Antideutschen, die mir begegnet sind, rudern auch gerne ans anti-muslimisch-rassistische Ufer.

Auch das ist zu undifferenziert. Ist jede Kritik am Islam für die Autorin rassistisch? Sollen Enthauptungen durch den IS etwa ganz besonders kultursensibel begutachtet werden? Sollen „weiße Kartoffeln“ also zu Verbechen, die im Namen des Islam begangen werden, lieber schweigen, damit sie nicht rassistisch wirken? (Kurze Klarstellung: Ich weiß, dass der Islam nicht mit dem IS gleichzusetzen ist. Es gibt da viele verschiedene Ausprägungen und Ansichten, zum Glück sind die meisten friedlich.)

In Israel selbst positionieren sich viele Linke pro-Palästina.

Und ziehen dann ganz schnell nach Berlin oder nach Großbritannien, wo sie mit der ganzen Chose nichts mehr zu tun haben und in Sicherheit vor den Anschlägen der Hamas sind. Auf die haben sie nämlich irgendwie nicht so Bock. Die Israelis, die man in Berlin kennen lernt, denken offenbar häufig ganz anders als die, die in Israel leben. Mehr dazu hier

Gewiss: Das antisemitische Spektrum der Linken ist nicht minder gruselig.

Ja. Gruseliger als jeder Horrorfilm.

Wo bleibt die differenzierte Staatskritik? Wann fangen die Kartoffeln endlich damit an, ihre weißen Privilegien zu hinterfragen, bevor sie sich in politische Positionen stürzen?

Dazu hätte ich dann mal ein paar Fragen: Wie lange müssen weiße Privilegien hinterfragt werden, bevor es gestattet ist, eine politische Position zu haben? Reicht es aus zu sagen“Ich bin weiß und habe Privilegien“? Und wer legt fest, wer was „darf“? Die Autorin? Dann möchte ich hiermit bitte beantragen, dass ich eine politische Meinung haben darf.

Zum Beispiel könnten sie auch darüber nachdenken, inwiefern ihr Habitus nicht eher respektlos als solidarisch jüdischen Personen gegenüber ist. Das können die meisten Kufiya-tragenden Personen aus meiner Umgebung nämlich sehr wohl.

Ein schönes Schlusswort des Artikels. Da die Kufiya-Tragenden im Umfeld der Autorin offenbar sehr gebildet und reflektiert sind, ist ihnen also klar, dass sie ein Symbol für die Vernichtung Israels zur Schau stellen. Gut zu wissen.

 

Positionierung: Ich bin eine weiße Cis-Frau mit deutschem Pass. Nichts davon habe ich mir ausgesucht. Ich habe politische Meinungen und äußere sie gerne auch öffentlich. Und ich liebe Falafel. 
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Können Männer Feministen sein?

Neulich bekam ich Post von einem männlichen Feministen. „Denk mal bloß nicht, dass du eine Bannmeile um dich errichten kannst“, stand da. Und: „Falls du mich verleumdest, werde ich garstig.“ Zuvor hatte ich den Mann gebeten, Abstand von mir zu halten. Ich wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben, weil er behauptet hatte, er sei absolut im Recht, mein Äußeres zu beurteilen. Der Grund: Er sei ja schließlich Feminist, habe mehrere Bücher über Sexismus und Lookismus gelesen und könne daher gar nicht sexistisch sein. Er wolle mir nur seine persönlichen Vorlieben mitteilen. Einige Drohmails später gab er zum Glück endlich Ruhe, doch seitdem beschäftigt mich die Frage, ob Männer überhaupt Feministen sein können. Und wenn ja, was macht sie dazu? Ein paar Gedanken…

„Männliche Feministen finde ich super. Sexismus betrifft schließlich Männer und Frauen, und je mehr Leute was dagegen machen, umso besser!“ Habe ich lange gesagt, sage ich inzwischen (leider) nicht mehr. Denn mir ist aufgefallen, das diese sogenannten männlichen Feministen sich allzu oft das Label „feministisch“ wie einen Orden selber anheften, ohne überhaupt groß darüber nachzudenken, was es bedeutet. Sie finden Feminismus irgendwie chic (ist er ja zumindest in gewissen Szenen) und wollen sich von den anderen Typen abgrenzen, vom chauvinistischen Mainstream ihrer Geschlechtsgenossen.

Sie wollen der Welt zeigen, dass sie ganz anders und viel reflektierter sind als der „Rest“. Um dies zu zeigen brauchen sie ganz viel Raum und Redezeit. Platz in der Zeitung zum Beispiel, ganz viel Redezeit in Diskussionsrunden und bei Konferenzen. Sie wissen schließlich Bescheid, und das sollen alle wissen. Dass Feministinnen seit Jahrzehnten beklagen, dass sie zu selten angehört werden? Tja, ihr Pech. Das beste Beispiel für einen männlichen Feministen dieser Art ist Nils Pickert, selbst ernannter Feminist, Kolumnenschreiber und Projektmitarbeiter bei der umstrittenen Anti-Sexismus-Kampagne „Pink Stinks“. Keine Ahnung, warum der so abgefeiert und überall veröffentlicht wird. Sonderlich durchdacht oder innovativ sind seine Beiträge nicht. Es muss wohl am Geschlechtsorgan Exotenstatus „männlicher Feminist“ liegen…

Was selbsternannte männliche Feministen auch gerne machen, ist das hier: „Mimimi!“. Rumheulen, dass sie in Frauenräumen, bei Frauenveranstaltungen draußen bleiben müssen. Das wäre ja schließlich umgekehrter Sexismus, und sie als selbsternannte Feministen sollten da selbstverständlich mitmachen dürfen. Und überhaupt werde es schließlich viel zu wenig thematisiert, dass Männer ja auch unter Sexismus leiden. Warum überhaupt der Begriff „Feminismus“ benutzt wird und nicht „Antisexismus“.

Diese Typen haben leider wenig bis gar nichts verstanden. Anscheinend ist völlig an ihnen vorbei gegangen, dass nach wie vor Mädchen und Frauen die Leidtragenden der aktuellen Geschlechterverhältnisse sind. (Das ist keine Meinung, sondern eine Tatsache, die sich an zig Studien und Statistiken ablesen lässt.)

Ja, es gibt Männer, denen sexuelle Gewalt angetan wurde, die unter hegemonialer Männlichkeit leiden, die im Job Probleme bekommen, wenn sie in Elternzeit gehen möchten, usw. Das ist schlimm und gehört geändert, keine Frage. Aber warum machen sie das dann nicht, anstatt Feministinnen anzugreifen?! Jeder noch so kleine die Geschlechterverhältnisse betreffende Fortschritt wurde von Frauen, von Feministinnen erkämpft. Sie haben sich solidarisiert, auf Missstände aufmerksam gemacht, die Gesetzgebung beeinflusst, Frauenhäuser gebaut, für das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung demonstriert, usw. Sie nannten ihren Kampf „Feminismus“, weil es ihnen um die Frauen und Mädchen ging. Und nun kommen ein paar Typen daher und verlangen, dass das Ganze anders heißen soll und nicht mehr Frauen/Mädchen im Fokus stehen sollen, und dass sie gefälligst mitmachen dürfen? Nur, weil sie selbst offenbar nicht in der Lage sind, sich zusammen zu tun und selbst etwas zu tun? Warum gründen diese Antisexisten denn eigentlich keine antisexistischen Männertreffs, um sich kritisch mit den Geschlechterverhältnissen zu befassen? Warum gibt es kaum Anlaufstellen für Jungen und Männer, die vergewaltigt wurden? Ich finde das ja auch schade, aber trotzdem ist es albern, nun von Feministinnen zu fordern, sie müssten das alles richten…

Noch absurder wird es, wenn ich mir nicht nur das Politische, sondern das Private der selbsternannten Feministen ansehe. Wie unkritisch und unreflektiert sie leider oft sind. Nein, es ist nicht feministisch, in einer Beziehung sämtliche Care-Arbeit von Frauen verrichten zu lassen. Oder ständig zu verlangen, als sorgender Vater und Hausmann tagtäglich gelobt zu werden für eine Sache, die für Frauen als Selbstverständlichkeit gilt. Oder Druck, Eifersucht und Stalking-Verhalten damit zu rechtfertigen, dass man ja so ein ganz besonders empfindsamer feministischer Mann sei. Das alles ist nicht feministisch, das ist eitel, selbstverliebt und weinerlich.

Ich lehne den Begriff „männlicher Feminist“ gar nicht grundsätzlich ab. Es gibt sicher welche, die dieses Label verdient haben. Betrachten wir es als einen Orden, eine Auszeichnung, „Feminist“ genannt zu werden. Einen Orden verleiht man sich aber nicht selber, den muss man sich erst mal verdienen, bevor andere ihn dann verleihen. Als Selbst-Bezeichnung für Männer finde ich den Begriff wegen der oben beschriebenen Erfahrungen unpassend. Zu groß ist die Gefahr, dass sie ihn missbrauchen, um eigenes mieses Verhalten zu rechtfertigen, Kritik abzublocken, sich über andere zu stellen.

Für die Männer, die gerne Feministen oder Verbündete (Allies) wären, gibt es im Netz ein paar gute Tipps, wie das gehen könnte (unten verlinkt). Da ich solche Seiten nur auf Englisch kenne, übersetze ich mal kurz das wichtigste (inklusive eigener Anmerkungen), ausführlicher geht es dann in den Links zur Sache.

1. Informiert euch und lest Bücher!

2. Hört zu, was Feministinnen sagen, anstatt selbst zu reden! Lasst ihnen Platz und Redezeit! Auch wenn ihr viel gelesen habt, heißt das nicht, dass alle euch immer zuhören müssen.

3. Seid selbstständig, fordert nicht von Feministinnen, euch dauernd alles zu erklären, dafür haben sie nämlich echt keine Zeit.

4. Übernehmt euren Teil der Care- und Beziehungsarbeit. Macht eure Arbeit unaufgefordert und fordert nicht, dafür explizit gelobt zu werden!

5. Weigert euch, an Podiumsdiskussionen teilzunehmen (egal zu welchem Thema!), wenn nur Männer auf dem Podium sitzen! Schreibt nicht für Zeitschriften, in denen fast ausschließlich Männer schreiben (Beispiel: konkret) Macht diese Weigerung öffentlich und übt Druck auf die Verantwortlichen aus.

6. Akzeptiert, dass es im Feminismus unterschiedliche Meinungen gibt. Solidarisiert euch mit der von euch bevorzugten Strömung, aber unterlasst es, euch nicht so genehme Feministinnen zu beleidigen und zu diskreditieren. Die Feminismus-internen Grabenkämpfe sind schon krass genug, und die Welt braucht definitiv nicht noch mehr Männer, die Feministinnen fertig machen.

7. Kommt damit klar, dass ihr nicht überall mitmachen dürft. Es gab und gibt gute Gründe dafür, dass Frauen unter sich sein wollen. Fragt nicht jedes Mal nach den Gründen, sondern nehmt es einfach mal so hin. Verwendet eure Energie lieber dafür, gegen Ausschlüsse von Frauen zu protestieren (siehe Punkt 5)!

8. Steht auf, um gegen Sexismus vorzugehen, auch wenn er gerade nicht euch betrifft.

 

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Sieben Gründe, warum Vegane mich nerven

Es gibt gute und weniger gute Gründe vegan zu leben, also auf tierische Produkte zu verzichten. Das hat viele Vorteile und einige Nachteile und ist eine ganz persönliche Konsumentscheidung – aber darum soll es hier nicht gehen. Was mich in letzter Zeit immer wieder nervt ist das unermessliche Sendungsbewusstsein und die Unreflektiertheit dieser Vegan-/Tierrechteszene.

1. Vegane wählen unfassbare Vergleiche

„Legebatterien sind Hühner-KZs“, „Der Holocaust auf Ihrem Teller“ – über diesen menschenverachtenden, Shoah-relativierenden Unsinn wurde schon viel kritisches geschrieben. Und trotzdem hört es nicht auf. Warum nicht? Weil es anscheinend innerhalb dieser Szene kaum jemanden interessiert, dass das einfach nicht klar geht. Sonst würde es doch nicht immer wieder an allen möglichen Stellen neu verbreitet.

Ein Beispiel:

auschwitz-tierrechte

 

 

 

 

 

 

 

2. Vegane denken offenbar immer nur ans Essen

„Wir haben immer Hunger“, erzählte mir neulich bei einem politischen Treffen eine Tierrechtefrau. Und dass sie neulich bei einem Spieleabend war, wo das ganze Essen mit Käse überbacken war. Und dass es im Landgasthof XY in der Provinz einmal nur Pommes für sie gab. Und dann erzählte sie was über Aufstriche. Und dann über Vitamin B12. Und dann über Lab. Dass es bei dem Treffen um ganz was anderes ging? Egal? Ich nenne das Derailing vom Feinsten. Und ganz schön egozentrisch.

3. Vegan ist das neue Pro-Ana

Diese ganze Veganstyle-Szene ist die perfekte Anlaufstelle für Menschen mit (beginnenden) Essstörungen. Wer ohnehin schon daran leidet, dass die Gedanken sich ständig zwanghaft mit Essen beschäftigen, wird in der Szene absolut bestätigt. Immer Hunger haben (wenn das denn wirklich so ist?!), Nahrungsmittel in gut und schlecht unterteilen, sich durch die eigene Ernährungsweise von anderen abgrenzen – das alles sind Symptome einer gestörten Beziehung zum Essen. Ich sage nicht, dass eine vegane Ernährungsweise mit einer Essstörung gleichzusetzen ist. Aber es fällt doch auf, dass vor allem junge Frauen anfangen, sich vegan zu ernähren. Wegen der Tiere, wegen der Gesundheit – und weil sie dünn sein wollen. Es gibt die Pro-Ana-Internetforen, in denen Leute sich gegenseitig abfeiern, weil sie es „schaffen“ ein absurdes Diätprogramm durchzuziehen (ein Apfel pro Woche oder so) und es gibt diese Tierrechte-/Veganzirkel, die genau das Gleiche machen. Das oben in der Überschrift ist eine steile These, merke ich selber.

4. „Mein Essen ist besser als deins“

Ja, es macht bestimmt total Spaß über eine Grillwiese oder ein „Volksfest“ oder den Weihnachtsmarkt zu gehen, sich die Nase zuzuhalten und sich lautstark über „Tote Tiere“, „Verwesung“ und „Mörder“ aufzuregen. Ganz schön herablassend. Gefällt mir nicht.

5. So stellen Tierrechteleute sich offenbar die Natur vor

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Ganz herzig, aber ziemlicher Quatsch.

6. Teller vorm Kopf

Das Bild da oben ist aus einer Werbung für eine Demo gegen Tiertransporte. Es geht um Versuchstiere, die von Tegel aus irgendwohin fliegen. Dass dort auch tagtäglich Menschen abgeschoben werden, spielt keine Rolle?!

7. Gegen Tierversuche – aber gegen die Konsequenzen

Vegane Leute werfen vegetarischen Leuten gerne Inkonsequenz vor, eben weil sie nur „den halben Weg gehen“ und manche tierische Produkte konsumieren. Aber sind die Tierrechteleute nicht auch total inkonsequent, wenn sie gegen Tierversuche demonstrieren, aber gleichzeitig alle Erkenntnisse und Methoden der modernen Medizin für sich nutzen? In der Medizin wird an toten Tieren das Operieren geübt, Impfstoffe und Medizin müssen getestet werden. Wenn Tiere „nicht-menschliche Tier“ sind und wenn Speziesmus der neue Rassismus ist (noch so ein Vergleich!), dann wäre es doch nur konsequent, wenn Menschen sich für Menschenversuche zur Verfügung stellen würden. So abwegig ist das nicht, es gibt immer wieder Studien, für die Proband_innen gesucht werden. Ich frage mich, ob das ein Thema in der Szene ist, also ob Leute das machen oder drüber nachdenken.

 Ja, das sind fiese Geschichten und dann auch noch sehr polemisch dargestellt. Ich habe Tierrechtemenschen/Vegane und den ganzen Lifestyle drum herum in einen Topf geworfen, das ist mir bewusst. Es gibt nicht „die Veganen“ oder „die Tierrechteleute“. Aber das oben Geschilderte ist in den letzten Tagen oder Wochen nun mal in meinen Radar gerückt. Und darum frage ich mich jetzt ernsthaft, warum sich trotz der ganzen oben beschriebenen Widerwärtigkeiten so viele Leute vehement identitär-vegan darstellen. Antworten?

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„Krieg mal Kinder!“ – „Krieg du dich mal ein!“

Ich habe seit sechs Wochen eine neue Arbeitskollegin, mit der ich ab und zu zusammen arbeite und auch mal in den Pausen quatsche. Keine Freundschaft, kein privater Kontakt, der über einen gemeinsamen Gang zur Bäckerei hinaus geht. Und dies ist, was meine Arbeitskollegin ungelogen regelmäßig bei Kaffee und Brötchen zu mir sagt:

  • „Warum hast du eigentlich keine Kinder?“
  • „Du solltest auch Kinder kriegen, du kannst doch gut mit Kindern umgehen!“
  • „Und? Will dein Freund Kinder haben?“
  • „Hast du überhaupt einen Freund?“
  • „Wie alt bist du nochmal? Oh, dann wird es aber Zeit.“
  • „Oder willst du erst heiraten?“
  • „Krieg mal Kinder. Wenn nicht, wirst du es später bereuen.“

Ich antworte nicht auf ihre Fragen und werde es auch an dieser Stelle nicht tun. Aber wenn ich (oder irgendeine andere Person in der Situation) antworten würde, könnten die Dialoge ungefähr so aussehen:

Kinderlose Frau: Ich habe mich dagegen entschieden Kinder zu bekommen. Ich möchte keine Kinder haben. In meinem Lebensplan kommen Kinder nicht vor…

Reaktion: Das ist aber sehr egoistisch. Wer zahlt denn dann die Rente? In Deutschland brauchen wir Kinder. Irgendwann bist du ganz alt und schwach und hast keine Kinder, die dir helfen. Ein Leben ohne Kinder ist sinnlos. Du willst wohl nur an dich denken und Party machen. Du bist nicht erwachsen! Du bist ja gestört!

Kinderlose Frau: Ich hatte Krebs, meine Gebärmutter wurde entfernt. Meine Eierstöcke produzieren keine Eizellen. Mein Hormonspiegel verhindert eine Schwangerschaft. Ich habe eine chronische, ansteckende oder sonstige Krankheit. Ich würde meine Gesundheit gefährden…

Reaktion: Dann geh mal zur Praxis Blabla, zur Heilprakterin Dings oder mach Solebäder, Schlammbäder, Yoga, Morgenurin und Mondgymnastik… Ist bestimmt psychosomatisch. Kannst ja ein Baby adoptieren. Oh, nein, du Arme, das ist das Schlimmste, was ich je gehört habe, ohne Kinder kann eine Frau ja gar nicht glücklich werden, nie.

Kinderlose Frau: Ich würde gerne Kinder bekommen, aber mein Partner will nicht.

Reaktion: Wenn er keine Kinder haben will, ist er ein egoistisches Arschloch. Setz ihm ein Ultimatum/ die Pistole auf die Brust. Such dir einfach schnell einen anderen! Du kannst ja heimlich die Verhütung absetzen, dann muss er mit der Situation eben klar kommen.

Und so weiter und so fort. Sind das Themen, die irgendwer mit Leuten von der Arbeit in der Bäckerei oder im Großraumbüro erörtern will? Oder mit Bahn-Mitreisenden? Mit fremden Leuten auf einer Party? Mit dem Chef? Ist mir (und sicher vielen anderen) alles schon passiert, kein Witz!

Ich finde es immer wieder völlig absurd, dass Leute mir (und anderen) diese Fragen stellen und mir derart penetrant das Kinderthema aufdrängen wollen. Es geht mir nicht nur darum, dass die persönliche Lebensplanung/ Gesundheitsgeschichten und der Beziehungsstatus selbstverständlich Privatsache sind. Das ist doch wohl eh klar, oder?! Was mich noch viel mehr nervt, sind die Prämissen, die hinter diesen ganzen blöden Fragen/Kommentaren/ungebetenen Ratschlägen stecken:

  • Du bist eine Frau!
  • Du bist gesund!
  • Du bist heterosexuell!
  • Du hast eine heterosexuelle Beziehung!
  • Du willst dich vermehren!

Übersetzt heißt das doch nichts anderes als: Sei eine Frau! Sei gesund! Sei hetero! Hab einen Mann! Vermehr dich! Jetzt, bevor es zu spät ist! Sonst bist du keine „richtige Frau“!

„Krieg mal Kinder!“ – „Krieg du dich mal ein!“

„Irgendwann wirst du merken, dass du es bereust.“ – „Irgendwann wirst du merken, dass du nervst!“

„Warum hast du eigentlich keine Kinder?“ – „Warum hast du eigentlich keine anderen Sorgen?“

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Saskia Albarus findet „den Feminismus“ doof…

Heute habe ich einen richtig beknackten Text bei den Ruhrbaronen gelesen. Darin ging es darum, warum eine 27-jährige Studentin „den Feminismus“ doof findet. Hier ihre Argumente:

Saskia Albarus findet „den Feminismus“ doof…

  • weil „der Feminismus“ ihr untersagt, sich für alle Menschen einzusetzen.
  • weil der Feminismus weiße heterosexuelle Männer doof findet.
  • weil sie ein „Papa-Kind“ ist.
  • weil sie rosa mag, und „Sex and the City“ und Barbie bei Facebook.
  • weil sie auch ohne „den Feminismus“ Computer spielen kann.
  • weil sie „Kurven“ hat (vom Essen und von ihren Hormonen).
  • weil sie weiß und heterosexuell ist.
  • weil „der Feminismus“ ihr vorschreibt, sich als „Opfer“ zu sehen.
  • weil sie sich gerne schminkt, obwohl „der Feminismus“ das blöd findet.
  • weil „der Feminismus“ ihr vorschreiben will, das Tragen eines Kopftuchs als Entscheidung zu betrachten, ihr aber das Schminken verbieten will.
  • weil Alice Schwarzer mal irgendwann in den 70ern blablabla rhabarberrhabarber…
  • weil Alice Schwarzer heute blablabla rhabarberrhabarber…
  • weil „eine Menge junger Frauen“ sich mit Aussagen von Alice Schwarzer identifiziert und „danach lebt“.
  • weil „der Feminismus“ Frauen verbieten will mit Sexarbeit ihr Geld zu verdienen.
  • weil „die weibliche Intuition“ ihr sagt, dass „der Feminismus“ doof ist.
  • weil sie den „teils krankhaften, oft männerverachtenden Feminismus“ in eine „falsche Richtung“ laufen sieht.
  • weil sie ihren Vater liebt.
  • weil sie ihren Freund liebt.
  • weil Freunde von ihr „von Weibern“ verletzt wurden und weil Psychoterror auch Gewalt ist.
  • weil viele Amokläufer böse Mütter hatten, während  „der Feminismus“ aber sagt, dass Frauen „lieblich oder schwach“ seien.

Im Ernst?!

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Privilegiert joggen gehen

Vor einiger Zeit habe ich hier einen Text veröffentlicht, in dem es auch um männliche Privilegien ging – Aufhänger war eine Debatte um freie männliche Oberkörper bei einem Konzert in einem linken Zentrum. Ich habe sehr viele Kommentare und Mails zu diesem Text bekommen – und manche schrieben mir, es sei doch kein männliches Privileg, halbnackt rumzulaufen. Frauen könnten das doch jederzeit auch überall tun, schließlich sei das ja wohl nicht verboten.

Heute Morgen war ich joggen und musste wieder daran denken. Die Situation war so: Ich hatte eine Shorts an, ein Top ohne Ärmel und natürlich Sportschuhe. Keine 50 Meter von meinem Haus entfernt kam mir auf dem Bürgersteig ein Mann mit ausgebreiteten Armen entgegen, der andeutete, mich umarmen zu wollen. Ich machte einen Bogen um ihn, er machte eine übertriebene Verbeugung in meine Richtung.

Ich werde auch angemacht und kommentiert, wenn ich eine lange Hose und eine Jacke anhabe, aber deutlich seltener. Sobald, so wie jetzt im Sommer, meine Beine zu sehen sind, ist es eher die Regel als die Ausnahme, dass mein Körper ungefragt kommentiert wird. Durch glotzende Blicke, Pfiffe, Autohupen, Bellen, Röhren und natürlich Sprüche wie „Hey, Baby“ oder „Geiler Arsch!“. Ich weiß, ich bin nicht die Einzige, die so etwas erlebt, über Street Harassment ist schon viel berichtet worden. Ich kenne das Phänomen inzwischen seit gut 25 Jahren, ich glaube, ich war 11 oder 12, als ich zum ersten Mal mitbekommen habe, dass ein mir fremder Junge etwas über meine Brust gesagt hat.  Wenn ich 25 Jahre lang in einer Firma arbeite, bekomme ich eine silberne Uhr. Wenn ich 25 Jahre lang sexuell belästigt werde, bekomme ich – nichts.

Beim Joggen habe ich mich heute gefragt, was wohl los wäre, wenn ich den „Rat“ einiger meiner Leser_innen befolgen würde und einfach mal ohne Shirt joggen gehen würde. Warm genug war es ja, und mir kamen auch zwei Männer entgegen, die mit nacktem Oberkörper durch den Park liefen. Könnte ich das auch machen? Nein! Es würde mich in eine gefährliche Situation bringen! Mir würden höchstwahrscheinlich Männer hinterher laufen, zumindest aber müsste ich mir auf meiner Joggingrunde zahlreiche Kommentare anhören. Vielleicht würde jemand versuchen, mich anzufassen oder ein Foto von mir zu machen.

Über all diese Dinge müssen Männer und Jungen nicht nachdenken, sie können einfach das T-shirt weg lassen, wenn es heiß ist, und nichts passiert. Höchstwahrscheinlich mussten die beiden Läufer aus dem Park von heute Morgen sich den ganzen Sommer lang noch nicht einen einzigen Kommentar von einer ihnen fremden Person über ihren Körper anhören. Vermutlich sind sie auch noch nie gegen ihren Willen angefasst worden, vermutlich haben sie in vielen Situationen weniger Angst als Frauen. In diesem Sommer sind ja auch bei Männern kurze Shorts in Mode. Ich bin mir fast ganz sicher, dass diese Mode nicht dazu führt, dass Männer auf der Straße angelabert und belästigt werden.

Ich weiß, dass ist alles nicht neu. Aber trotzdem gibt es immer und immer wieder Menschen, die meinen, es gäbe keine Ungleichbehandlung der Geschlechter und Männer und Frauen hätten doch nun wirklich die gleichen Rechte und Möglichkeiten. Man kann drüber streiten, ob es sinnvoll ist, den einen ihre Privilegien weg zu nehmen, nur weil die anderen sie nicht haben. Würde es mir etwas bringen, wenn alle beim Joggen ein T-shirt tragen müssten? Ich weiß nicht. Was ich aber weiß, ist, dass Männer Privilegien haben, die Frauen nicht haben. Es macht mich wütend, dass so viele Menschen das nicht wahr haben wollen. Und es macht mich wütend, wenn Leute behaupten, man könne sich Privilegien doch einfach mal nehmen. Nein, nein, so einfach ist es nicht. …

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Ohlauer Straße: Schlafplätze und Solizimmer gesucht

Gestern habe ich erfahren, dass gut 200 Menschen jetzt obdachlos geworden sind, weil sie nicht mehr in die Gerhart-Hauptmann-Schule in der Ohlauer Straße in Kreuzberg zurück kehren können, wo sie vor der Polizei-Aktion gewohnt haben. Jetzt werden dringend Schlafplätze gesucht, aber natürlich auch längerfristige Wohnmöglichkeiten. Nicht alle Refugees können in den offiziellen Unterkünften schlafen und wohnen – manche haben gar keine Ansprüche auf einen Platz, weil die nötigen Papiere fehlen, andere brauchen dringend Ruhe und eine geschützte Privatsphäre, und die gibt es nicht in den Massenunterkünften.

In der Urlaubszeit stehen viele Zimmer ein paar Wochen leer, manche WGs haben Gästezimmer oder Räume, die nicht permanent benutzt werden, z. B. Ateliers oder Werkstätten. Auch in Büroräumen o. ä. könnten Leute zumindest nachts einen Unterschlupf finden. Ja, das ist keine langfristige Lösung, aber für viele sicher trotzdem viel besser als draußen zu schlafen, wo ihnen Polizeikontrollen und anderer Stress drohen.

Also, liebe Leute, falls ihr einen Platz anbieten könnt – auch wenn es nur ein paar Tage sind – meldet euch bitte beim Ohlauer Infopoint (ohlauerinfopoint@gmx.de) oder geht direkt dort vorbei!

Weitere Möglichkeiten, Solidarität zu zeigen

Die Menschen vom Infopoint schreiben regelmäßig auf Twitter (https://twitter.com/OhlauerInfo), was gerade gebraucht wird:

  • Sachspenden wie Kleidung, funktionierende Handys, Schlafsäcke, usw.
  • Lebensmittelspenden
  • helfende Hände, die die Sachen sortieren
  • Menschen, die sich mit rechtlichen Problemen auskennen
  • Menschen, die mal was übersetzen können (häufige Sprachen: arabisch, französisch, englisch, spanisch, portugiesisch,…)
  • Menschen mit Auto, die mal eine Tour fahren können

Und dann gibt es da auch diese Demo am Samstag, 5. Juli 2014 (ab 14 Uhr), Start am Hermannplatz. Hier könnt ihr den Aufruf lesen.

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