Keine gute Kinderstube – ein Abend mit Jutta Ditfurth

Am Freitag war ich im Literaturhaus in Berlin, Jutta Ditfurth stellte dort ihr neues Buch „Der Baron, die Juden und die Nazis“ vor, das ich (noch) nicht gelesen habe. Es handelt davon, wie der deutsche Adel schon lange vor dem NS Juden diffamiert und ausgegrenzt hat und später gegen die Ermordungen keine Einwände hatte und sich selbst eifrig an Verbrechen beteiligte. Hier mein Bericht:

Silbergrau ist der erste Eindruck, als ich das Literaturhaus betrete. Eine lange Schlange von Seniorinnen und Senioren wartet auf der Treppe am Ticketschalter. Das Publikum hätte ich mir deutlich jünger vorgestellt, aber nun ja, es ist das Literaturhaus in Charlottenburg, eine edle Location, in der der Einlass für eine Lesung acht Euro kostet.

Der Saal ist schon rappelvoll, als ich endlich rein komme, aber ein politisch interessierter (Stadt-) Bekannter (X.) hat mir netterweise einen Platz frei gehalten. Glück gehabt, denn alle, die es nicht in den ersten Saal geschafft haben, müssen im zweiten Saal Platz nehmen und sich die Lesung als Videoübertragung ansehen und sind von der anschließenden Diskussion ausgeschlossen. (Doof sowas!)

Und dann kommt Jutta*. Souverän, sympathisch, redegewandt – also, ich find`die ja toll. Nicht uneingeschränkt aber ziemlich, auch wenn ich zum Beispiel ihre Meinhof-Verklärung wunderlich finde. Ich wurde zum „Jutta-Fan-Girl“, als mir jemand ihr klitzekleines Buch „Was ich denke“ gegeben hat, als ich noch recht jung war. Seitdem hatte ich die Frau immer auf dem Schirm und habe zwar nicht alle, aber viele ihrer inzwischen 16 Bücher gelesen. Gut finde ich an ihr zum Beispiel, dass sie immer noch, immer wieder auf den Grünen rumhaut, wenn sie auf die Gefahren rechter Esoterik und Anthroposophie hinweist und wenn sie die Talkshows aufmischt. Wer macht das denn, wenn sie`s nicht macht? Mir gefällt vor allem, dass Jutta Ditfurth in der Lage ist, emanzipatorische Ideen super verständlich zu erklären, sie ist einfach `ne prima Aufwieglerin, finde ich, von der Sorte könnte es ruhig noch mehr geben.

Jutta Ditfurth liest nicht

Wenn Jutta liest, dann liest sie gar nicht – sie erzählt viel lieber und zeigt Fotos. Von ihrer komischen adeligen Familie, von deren Schlössern in Thüringen. Sie erzählt von ihrem Verwandten, dem Dichter Börries von Münchhausen, der als junger Mann einst mit Juden befreundet war und später deren Ausschluss aus Kultur und Öffentlichkeit forderte und sich an Goebbels heranwanzte.

Antisemitismus sei im deutschen Adel gang und gäbe gewesen, sagt Jutta. Und auch der olle Stauffenberg habe nicht versucht, Hitler zu töten, um das Morden zu beenden. „Diesen Kreisen ging es immer nur darum, Privilegien zu behalten, Macht, Geld, Land – das hat die interessiert, nicht etwa, dass in ganz Europa Menschen ermordet wurden.“ Neben mir sitzt ein sehr altes und gebrechlich wirkendes Ehepaar, das sich raunend empört: „Wie kann man denn so was sagen, ist ja unmöglich, also wirklich…“ Gequält dreinblickend schütteln die beiden die Köpfe.

Weiter geht`s, Jutta erzählt, wie ihr Buch entstanden ist, dass sie Zugang zu den privaten Archiven ihrer Familie hatte, obwohl sie schon als Teenager nicht mehr mitgemacht hat beim Adelsgedöns, den Verkupplungs-Bällen und Familienzusammenkünften. Man müsse doch mal „mehr Juden totschlagen“ schrieb irgend eine Großtante Juttas in den Zwanzigern. Auf Norderney, wo sie zur Kur weilte, gebe es schließlich eindeutig zu viele davon. „Das war keine Ausnahme, die haben so gut wie alle so gedacht und geschrieben“, sagt Jutta. Und das sei kein Wunder, denn schließlich habe der Adel sich Jahrhundertelang um die eigene „Blutreinheit“ gekümmert. Da seien Antisemitismus und Rassismus einfach nur eine logische Schlussfolgerung.

Alle werden pampig

Es fällt mir schwer, Jutta zuzuhören, denn mein Bekannter X. nervt. Raschelnd kramt er durch Stapel von knisternden Papieren, klickt auf seinem Laptop rum, quatscht mir von der Seite ins Ohr – sogar sein Stift quietscht. „Können Sie nicht mal leiser sein?“ fragt der Mann neben ihm (der irgendwie aussieht wie ein Alt-68er, vielleicht sogar ein Prominenter, kommt mir jedenfalls bekannt vor der Typ, aber ich komm` nicht drauf). Er fängt sich von X. ein deftiges „Halt die Fresse!“ ein. Auch Jutta bittet um mehr Ruhe, als sich drei Männer in der letzten Reihe in ein immer lauter werdendes Streitgespräch verwickeln. Sie solle endlich die Diskussion öffnen, basisdemokratisch sein, motzt der eine zurück. „Lesungen sind nie basisdemokratisch, ihr habt ja das Buch nicht geschrieben“, pampt Jutta zurück.

„Scheiße stinkt halt!“

X. findet das alles hierarchisch, ich bin genervt, sage aber nichts, ich will ja zuhören, was die Frau Ditfurth da oben auf dem Podium sagt. Als sie dann endlich die Diskussion eröffnet und das Publikum Fragen stellen darf, meldet sich der uralte Mann neben mir. „Sie haben hier den ganzen Abend lang den Adel diskreditiert“, sagt er mit brüchiger Stimme. X. hält es kaum an seinem Platz. „Scheiße kann man nicht diskreditieren. Scheiße stinkt halt!“ ruft er dem alten Knacker zu, der mit Abstand beste Satz, den er an diesem Abend sagen wird. Als die Frau des Greises zurück schimpfen will, zische ich: „Psst, können Sie bitte leise sein?“ Die alte Dame verstummt entsetzt. Manieren sind ja schließlich wichtig, man benimmt sich doch nicht daneben, schon gar nicht in der Öffentlichkeit, wie peinlich. Bestimmt hat die Frau, die vielleicht ja sogar eine Adelige ist, eine „gute Kinderstube“ gehabt, denke ich, oder eben das, was manche dafür halten. Die um mich herum Sitzenden lachen, und ich freu mich, dass ich ausnahmsweise mal frech war ohne frech zu werden.

Als die Lesung und die offizielle Diskussion vorbei sind, geht`s noch weiter. X. streitet sich mit allen um ihn herum über Hierarchie und darüber, wer wann was sagen darf. Ich versuche zu sagen, dass ich laut reden und anderen ins Wort fallen irgendwie auch hierarchisch finde, werde aber übertönt mit dem Hinweis, dann solle ich gefälligst erst mal nachschlagen, was Hierarchie bedeutet. Ok, mach ich. Oder auch nicht.

Draußen vor der Tür stehe ich mit meinen Freund_innen und X. noch ein wenig in der Kälte rum, wir ziehen ein Resümee. Gut war`s, interessant war`s, die Jutta kann toll erzählen. Aber ob das wirklich stimmt, dass noch kein Buch über den Adel und die Juden erschienen ist, wie sie behauptet hat? „Ihr könnt Jutta schon glauben, was sie sagt“, behauptet ein Mann, „ich bin mit ihr befreundet.“ Aha…

Mein Freund C. will sich das Buch von Ditfurth kaufen, ich will es leihen, wenn er es durch hat. Zum Glück bin ich ja keine „von Kamuffel“, sondern nur eine bäuerlich-proletarische „Kamuffel“ (auch wenn mir neulich mal jemand „bürgerlichen Habitus“ vorgeworfen hat, anderes Thema). Aber ich will rausfinden, wie es eigentlich geht, seinen Adelsnamen loszuwerden (hat Jutta auch gemacht) und ein paar Leute mal darauf ansprechen. Wenn ich eine „von“ wäre, dann wäre mir das ganz schön peinlich, und das nicht erst seit diesem Abend….

* Ich kenne Jutta Ditfurth nicht persönlich, aber sie bezeichnet sich selbst als „notorische Duzerin“, darum duze ich zurück und schreibe „Jutta“.

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6 Antworten zu Keine gute Kinderstube – ein Abend mit Jutta Ditfurth

  1. Erbprolet schreibt:

    Die schaffenden Arbeiter und Bauern sind also trotz aller Verbrechen, die sie (mit-)begangen haben, okay, der parasitäre Adel ist hingegen ausgerechnet „peinlich“ – kann ich auch: weia!

  2. Nicolai schreibt:

    Schön, die Wahrnehmung und Gedanken anderer Personen zu diesem Abend zu lesen. Ich war auch da. Genaugenommen war ich einer der drei in der letzten Reihe. Aber nicht derjenige, der die Öffnung der Diskussion gefordert hat. Auf diese Klarstellung lege ich wert!

    Den bürgerlichen Namen um Elemente zu kürzen, die aus ehemaligen Adelstiteln und/oder -prädikaten übernommen wurden, ist ziemlich einfach. Formal ist es eine banale Namensänderung und die Begründung, die Republik zu lieben und daher keine Reminiszenzen an den Feudalismus mit sich herumtragen zu wollen, ist auch in Deutschland ausreichend.
    Ob Jutta das so formal gemacht hat, weiß ich gar nicht. Wenn man den Namen einfach gekürzt und republikanisiert verwendet, fragt sowieso keine_r nach. Das war zumindest bei mir nie ein Problem und wird von sehr vielen „offizielleren“ Stellen sowieso so gehandhabt, weil viele in Deutschland übliche Sortierungsregeln für Archive und Ämter den „Namen“ vom vermeintlichen „Titel“ und dem vermeintlichen „Prädikat“ trennen. Eine in der Praxis eher unpraktische – „In Ihrer Akte fehlt ja ganz viel!“ „Schauen Sie mal unter V, da finden sie sicherlich die andere Hälfte.“ – vor allem aber sehr unrepublikanische Praxis, denn das Teilen des bürgerlichen Namens (inklusive der übernommenen ehemaligen Titel und Prädikate) ist in Deutschland eine Straftat (StGB §132a), weil es voraussetzt, es würde sich nicht bloß um einen „zufälligen“ Namensbestandteil handeln, sondern tatsächlich um einen Titel und/oder ein Prädikat, den man mal führt oder auch nicht.
    Die Namensregelung für diese Fälle in Deutschland ist jedenfalls ziemlich verkorkst. Was jetzt im konkreten Fall republikanischer wäre, das Weglassen oder das Dazuschreiben kann ich auch nicht sagen. Das entscheide ich persönlich nach Gusto von Fall zu Fall.

    Ich freue mich sehr über das Buch, werde es kaufen (wenn es das irgendwo als Ebook ohne DRM gibt) und hoffe, dass es endlich mal zu einer ordentlichen Auseinandersetzung in den Familien und der deutschen Gesellschaft kommt. Zeit wäre es. Und es wäre auch schön, wenn dadurch die unsäglichen Versuche im wiedervereinigten Deutschland, den Adel als gesellschaftliche Institution zu restituieren einen gehörigen Dämpfer erführen.

    Im übrigen habe ich 3 Euro für die Lesung bezahlt, allerdings kam ich auch recht spät und die „billigen Plätze“ waren dann tatsächlich auch billiger.

    • schlottekamuffel schreibt:

      Hi Nicolai, danke für deinen Kommentar, sehr interessant! Schlotte

      • Nicolai schreibt:

        Bitteschön Schlotte,

        sehr gern geschehen.
        Die Unterstützung des Nationalsozialismus und der Antisemitismus sind sicherlich peinlich. Und das gleich mehrfach und aus unterschiedlichen Perspektiven. Soweit ich es auf der Lesung mitbekommen konnte, drückt Jutta ihre Finger mit Macht in die richtigen Wunden. Wie diese Peinlichkeit im Verhältnis zu den älteren Leichen im Keller der durchschnittlichen ehemals adeligen Familie angesehen werden, verrät viel über die persönlichen Werte der einzelnen Menschen und auch der Häuser. Auf die Reaktionen freue ich mich schon. Da werden eine Menge an Selbstnarrativen neu verhandelt werden, Lebenslügen aufgedeckt und Existenzen zerbrechen. Spannung und Drama sind garantiert.

        Außerdem wollte ich dir noch zu Xs Portrait gratulieren. Sehr treffend. Ich musste herzhaft lachen. Besonders über die Bemerkung, dass selbst sein Kugelschreiber quietscht. Sicherlich wird er mir den folgenden Satz furchtbar übel nehmen, aber mit seinen doppelten Standards bezüglich der Diskussionskultur passt er eigentlich ganz gut in die Veranstaltung, zu ihrem Publikum und den eigentlichen Adressat_innen des Buches.

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