„Ich habe vier Kinder, Ende Juni müssen wir raus. Aber wo sollen wir denn hin?!“

Heute Morgen war ich in der Jahnstraße in Britz. Das Berliner Bündnis „Zwangsräumung verhindern“ hatte dazu aufgerufen, bei der angekündigten Räumung einer Familie aus ihrer Mietwohnung wenigstens Präsenz und Protest zu zeigen (das mit dem Verhindern ist ja immer so ’ne Sache…).  Es war kalt, es war früh – und trotzdem bin ich froh, dass ich da war, es gab nämlich Kuchen und gute Gespräche, zwei meiner Lieblingssachen. 🙂

Ein Bewohner des Hauses hat mir erzählt, was da gerade passiert: Sechs Mietparteien fliegen raus. Unverschuldet. Es ist wirklich unglaublich. Das Haus wurde verkauft, nicht ungewöhnlich in Berlin, das Haus, in dem ich wohne, hat zum Beispiel auch schon zwei mal in fünf Jahren den Besitzer gewechselt. In diesem Fall ist aber etwas ganz Komisches passiert. Der neue Hausbesitzer hat nämlich kein Konto für die Mietzahlungen angegeben. Das Jobcenter Neukölln hat aber monatelang weiter die Miete auf das Konto der alten Hausbesitzer überwiesen. Pech gehabt – die Mieter_innen wurden gekündigt, wegen angeblicher Mietschulden. Wo das ganze Geld geblieben ist? Man weiß es nicht… Warum die neuen Hausbesitzer nicht eher Bescheid gesagt haben, dass die Mieter so lange bei ihnen in der Kreide standen, liegt auf der Hand: Neue Mieter bringen mehr Geld, weil in neuen Mietverträgen in Berlin inzwischen vergleichsweise astronomische Summen festgelegt werden dürfen.

„Ich habe vier Kinder,“ erzählte mir der Mann, „Ende Juni müssen wir raus. Aber wo sollen wir denn hin?!“ Dass er eine bezahlbare Wohnung in der Nähe finden wird, glaubt er nicht. „Vielleicht in Marzahn oder so, aber hier in der Gegend bestimmt nicht.“ Eine Ladenbesitzerin um die Ecke habe ihm empfohlen er solle doch „einfach zurück in die Türkei“ ziehen. „Zurück in die Türkei? Ich bin hier geboren, was soll das denn?“

Der Mann hat alle Hebel in Bewegung gesetzt und versucht, etwas gegen die Kündigung zu unternehmen. Das Jobcenter hat ihm sogar ein Darlehen gegeben, damit er die Mietschulden (die er ja eigentlich gar nicht hatte!) beim neuen Hausbesitzer ausgleichen konnte. Doch die blieb ungnädig und hielt die Kündigung aufrecht. Dagegen zu klagen geht auch nicht, Prozesskostenbeihilfe für Hartz-IV-Empfänger_innen gibt es nämlich nur dann, wenn die Prognose gut ist, dass man den Prozess gewinnen wird. „Der Anwalt meinte, ich hätte sowieso so gut wie keine Chance“, erzählte der Mieter. Er findet es gut, dass mit dem Protest vor seiner Tür auf den Skandal aufmerksam gemacht wird. „Eigentlich müssten hier ein paar tausend Leute sein“, meint er, “ sowas kann doch offenbar Jedem passieren!“

Nach Angaben von „Zwangsräumung verhindern“ finden in Berlin jede Woche rund zwanzig Zwangsräumungen statt – meistens unter Ausschluss der Öffentlichkeit. „Manchmal melden sich die Leute bei uns oder wir bekommen das sonst irgendwie mit, aber meistens nicht“, sagte eine Aktivistin des Bündnisses. Wie Recht sie damit hat, wurde mir eben klar, als ich auf Tagesspiegel.de vorbei kam. Während des Protests am oberen Ende der Jahnstraße wurde in der gleichen Straße ohne Kenntnis des Bündnisses eine Wohnung geräumt, was den Tagesspiegel zu dieser hämischen Überschrift inspirierte: „Polizei-Einsatz in Berlin-Kreuzberg. Räumung: Aktivisten standen vor dem falschen Haus“. Nein, das war nicht in Kreuzberg, sondern in Britz. Nein, es war nicht das falsche Haus, sondern ein weiteres, in dem die Mieter_innen rausgeschmissen wurden, aber was soll’s? 😉

Die für heute angekündigte Zwangsräumung im oberen Teil der Jahnstraße fiel übrigens aus, die Gerichtsvollzieherin tauchte einfach nicht auf. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Und neben der vierköpfigen Familie, die heute eigentlich dran gewesen wäre, sind fünf weitere Mietparteien in den nächsten Monaten bedroht.

Ich wünsche mir dass mehr Leute bei solchen Aktionen mitmachen! Es kann doch nicht angehen, solche Fiesheiten widerspruchslos hinzunehmen! Ich muss zugeben, das Thema „Zwangsräumungen“ hatte ich bisher auch noch nicht so auf dem Schirm. Aber im Gegensatz zu manchen anderen Aktionen finde ich solche Kundgebungen wie heute extrem sinnvoll. Und sei es „nur“ um Solidarität mit den Betroffenen zu zeigen und das Thema in die Zeitung zu bringen. Mich hat das heute Morgen so aufgerüttelt und sauer gemacht, dass ich jetzt hoch motiviert bin, weiter dabei zu sein. Am Freitag geht es weiter…

Mehr:

Fotos: https://www.flickr.com/photos/neukoellnbild/sets/72157643202476324/

Ber­li­ner Ku­rier:  Die Mietrebellen kämpfen die nächste Räumungsschlacht

BZ: Hier klicken für einen sehr bescheuerten BZ-Artikel

 

 

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu „Ich habe vier Kinder, Ende Juni müssen wir raus. Aber wo sollen wir denn hin?!“

  1. Hans Joachim Faber schreibt:

    Sorry, aber da haben sie Dir Quatsch erzählt. Dass es Prozesskostenhilfe nur bei hinreichenden Erfolgsaussichten gibt, stimmt zwar, aber hier sind sie doch definitiv gegeben.
    Es ist nämlich so, dass nicht etwa die Mieter gegen die Kündigung klagen müssen, sondern der Vermieter muss seinen Räumungsanspruch auf dem Klageweg durchsetzen. Und dann hat man als Mieter nach Zustellung der Klageschrift zwei Monate Zeit. Wenn man innerhalb dieser zwei Monate die Mietschulden (wobei hier nach der Schilderung, die Du erhalten hast, ja ohnehin fraglich ist, ob überhaupt noch Schulden da waren) begleicht, dann kann sich der Vermietrer auf den Kopf stellen und noch so unerbittlich sein, dann hat es sich mit der Kündigung erledigt. Und darüber hinaus gibt es genug Möglichkeiten, einen Zivilprozess so zu gestalten, dass die beklagte Partei auch Prozesskostenhilfe bewilligt bekommt.
    Wenn das alles so stimmt, wie es Dir erzählt wurde, dann können die Mieter auch den Anwalt in Regress nehmen und sich von dem eine neue Wohnung suchen und bezahlen lassen. Dann wäre der wirkliche Skandal diese Falschberatung.

    • schlottekamuffel schreibt:

      Ah, gut, dass du das auch hier gepostet hast und nicht nur bei Facebook, darum wollte ich dich nämlich gerade bitten. Also, mir hat der Mann erzählt, der Anwalt hätte gesagt, er hätte gar keine Chance mit einer Klage. Ich habe ihm gesagt, er soll beim Mieterschutz o.ä. nochmal nachfragen, leider ist er da kein Mitglied, aber er kann ja mal nachfragen. Und die vom Bündnis haben auch mit ihm gesprochen und wollen versuchen juristisch was zu machen. Hoffentlich lässt sich da noch was abwenden!

  2. taspila schreibt:

    Kann das Mieterecho empfehlen, die haben den meisten Biß. War vorher beim Mieterverein und die haben mir in Berlin gar nicht geholfen, standen meist auf Seiten des Vermieters! Mit der Beratung ist das so eine Sache. Habe festgestellt, dass die Qualität in Berlin sehr zu wünschen übrig lässt. Finde ich gut, dass Du dabei bist und Anteil nimmst 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s