„Friedensdemos“, Esoterik und der ganze andere Quatsch

Zur Zeit wird viel über die so genannten „Friedensdemos“ berichtet, die jetzt wohl jeden Montag in verschiedenen Städten stattfinden – ein Sammelbecken für Antisemit_innen, Chemtrail-Paranoiker_innen und Spinner_innen jeglicher Coleur, in dem sich auch bekannte NPD-Kader wohl fühlen wie die Fische im Wasser. Wer mehr darüber wissen will, kann sich informieren, es gibt inzwischen viele Infos dazu im Netz.

Was mich aber gerade (nein, eigentlich auch schon viel länger) beschäftigt, ist diese ganz persönliche Frage: Wie soll ich eigentlich damit umgehen, wenn „Friedensdemos“, Antisemitismus, Esoterik und der ganze andere Quatsch sich auch in meinem Umfeld bemerkbar machen? Beispiele? Beispiele!

  • Eine ehemalige Arbeitskollegin von mir postet regelmäßig antisemitische Texte, Karikaturen, etc. bei Facebook. Gaza sei ein KZ, heißt es da, die westlichen Regierungen seien von Jerusalem oder wahlweise der „Ostküste“ (Erklärung: „Ostküste“ = antisemitisches Code-Wort für das angebliche „Finanzjudentum“) gesteuert, usw. Der ganz alltägliche Wahnsinn des als Israel- oder Kapitalismuskritik getarnten Antisemitismus eben. Dazwischen auch mal was zu „Chemtrails“ (Erklärung: „Chemtrails“= als Vergiftungsmaßnahme missverstandene harmlose Flugzeugkondensstreifen) oder darüber, dass es angeblich lebensbedrohlich ist, wenn Kinder geimpft werden. Eine Zeit lang lese ich mir die Postings dieser Frau sogar bewusst durch, um zu wissen, was in dieser komischen Eso-Antisemiten-Szene abgeht. Irgendwann kann ich es aber nicht mehr sehen, Anlass ist eine antijüdische Karikatur, die aussieht, als sei sie direkt dem NS-Hetzblatt „Stürmer“ entnommen worden. Ich schreibe der Frau eine kurze Nachricht, die sie natürlich nicht versteht („Antisemitin? Ich? Wieso?“), lösche die Lady aus meiner Freundschaftsliste, und gut ist`s. Gut? Ich weiß ja nicht, zahlreiche Freundinnen und Freunde oder Bekannte von mir sind nach wie vor mit dieser Frau bei Facebook befreundet. Das heißt, in ihrer Timeline, dem täglichen Nachrichtenfluss bei Facebook, tauchen regelmäßig antisemitische Hetz-Texte auf! Nehmen sie das gar nicht wahr? Oder stören sie sich nicht daran? Oder nehmen sie es nicht ernst, weil die Frau bekanntermaßen einige Probleme hat? So ganz genau weiß ich das nicht.
  • Ein Freund schickt mir den Link zu einem Ken-Jebsen-Video, er kannte diesen unsäglichen Hetzer bisher nicht und findet dessen Aussagen zum Ukraine-Konflikt „ganz interessant“. Ich schicke ihm ein paar Links, die glasklar Jebsens Antisemitismus belegen. Er liest sie durch, bedankt sich für die Infos und verzichtet darauf, Ken Jebsens Video bei Facebook zu posten. Ich finde es super, dass er bereit ist, sich zu informieren!

 

  • Als ich das Baby von Freund_innen auf dem Schoß sitzen habe, entdecke ich, dass es eine Kette mit bräunlichen Steinen trägt. „Das ist Bernstein, so eine Kette hilft, dass das Zähnekriegen nicht so weh tut“, erklärt mir die Mutter, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Ich traue mich nicht, was dazu zu sagen, jungen Eltern soll man nicht reinreden, heißt es immer. Vor allem, wenn man selbst keine Kinder hat, wird man sowieso nicht ernst genommen, das ist jedenfalls meine Erfahrung. Innerlich verdrehe ich die Augen (ja, ich kann das inzwischen machen, ohne, dass man`s merkt, jedenfalls meistens) und denke mir meinen Teil: „Ja ja, Bernstein hilft gegen Schmerzen, äußerlich angewendet, alles klar. Wahrscheinlicher ist, dass das Baby sich an der blöden Kette strangulieren könnte, aber nun ja…“

 

  • In der Tageszeitung meiner ehemaligen Heimatstadt Bielefeld steht eine überschwängliche, positive Kurzrezension zu einer Platte der Band „Die Bandbreite“. (Erklärung: „Die Bandbreite“ = eine völlig verwirrte, zum Glück recht unbekannte Hip-Hop-Band aus dem Ruhrgebiet, die immer wieder durch antisemitische Hetze und üble Verschwörungstheorien in ihren Texten auf sich aufmerksam macht). Ich bin davon überzeugt, dass die Redaktion besagter Zeitung keine Ahnung hat, was sich hinter der Bandbreite verbirgt. Wer kennt schon die „Bandbreite“, in den Charts waren die ja glücklicherweise noch nie. Der Autor des Textes, den ich von früher kenne, postet bei Facebook ähnlichen antisemitischen Müll wie die oben erwähnte Frau. Ich überlege, ihn anzuschreiben, denke sogar kurz über einen Leserinnenbrief an die Zeitung nach, schreibe aber nichts. Inzwischen ist das alles schon ein Weilchen her, ich ärgere mich bis heute, dass ich nichts gemacht habe.

 

  • Ein Freund von mir, eigentlich war er mal erklärter Steiner-Gegner, verteidigt plötzlich vehement die anthroposophische Pädagogik (die Kinder seiner Partnerin besuchen einen Waldorf-Kindergarten). Plötzlich ist keine Rede mehr davon, dass die Steiner-Schulen zutiefst antiaufklärerisch sind, dass dort wirres Zeug von „Ätherleibern“ und   „Wurzelrassen“ gelehrt gefaselt wird. Nein, nein, man müsse bei den Anthros ja unterscheiden, um welchen Kindergarten und welche Schule es sich handele, außerdem sei doch die musische Förderung dort so toll und, dass die so viel mit den Kindern raus in die Natur gehen, usw. Dass man mit Kindern prima malen und musizieren und rausgehen kann, ohne der rückständigen Steiner-Ideologie zu folgen, scheint da etwas in Vergessenheit geraten zu sein. Klar, dass mein Kumpel (wie die Mehrheit der Anthros) auch dagegen ist, Kinder gegen Masern impfen zu lassen: „Wieso denn? Ich hatte auch Masern, war gar nicht schlimm.“ Dass die Masern extrem gefährliche, ja tödliche Folgen haben können und sich gerade dank der Waldorfschulen wieder munter ausbreiten will er gar nicht hören. Das staatliche Erziehungs- und Bildungswesen sei eben Scheiße, da müsste man ja nach Alternativen suchen. Ich schweige irritiert.

 

  • Ich habe eine hartnäckige Erkältung, die seit drei Wochen nicht verschwinden will. Eine Bekannte empfiehlt mir homöopathische Globuli (Erklärung: Globuli= wirkstoff-freie Zuckerkügelchen, die in der homöopathischen „Medizin“ gegen jede Krankheit eingesetzt werden, die es gibt). Als ich sage, dass ich nichts von Homöopathie halte und die Unwirksamkeit ja nun hinlänglich bewiesen wurde, entgegnet sie mir: „Bei meinem Mann hat das aber ganz toll geholfen.“ Ich sage einfach mal gar nichts, schlucke natürlich keine Globuli und werde auch so wieder gesund.

 

  • Ich bin bei der Freundin eines Freundes zu Besuch, sie gibt mir Wasser zu trinken. Aus einer Karaffe, in der rosa Steine liegen. Das seien Rosenquarze, erklärt sie mir, die würden dem Wasser „eine ganz andere Energie geben, es irgendwie besser machen“. Wie genau das funktionieren soll, hat sie vergessen, aber es sei eine „uralte Tradition“. An den Steinen hängt undefinierbarer Belag und Schmodder. Mich graust und ekelt es, ich sage aber nichts und lasse nur das Wasser stehen, obwohl ich Durst habe.

Ich könnte jetzt noch seitenlang weiter schreiben, so viele Beispiele fallen mir ein. Immer wieder begegnet mir selbst in meinem vermeintlich „gebildeten“ Umfeld dieser haarsträubend bescheuerte esoterische, verschwörungstheoretische Unsinn. Und ich frage mich jedes Mal, wie ich darauf reagieren soll. Klar, bei offenem oder auch verklausuliertem Antisemitismus, will ich, muss ich einschreiten, das geht gar nicht.

Aber wie sieht es aus mit diesen vermeintlich harmlosen Spinnereien, wo ziehe ich da die Grenze? Bei Globuli gegen eine Erkältung könnte ich nach der Devise „whatever works“ ein Auge zudrücken, was soll`s? Aber was mache ich, wenn diese Leute sich dann bei einer ernsthaften Erkrankung weigern, sich medizinisch behandeln zu lassen, weil sie Angst vor der ominösen Pharma-Lobby haben und die Zuckerkügelchen gegen Wehwehchen XY ja auch so toll geholfen haben? Da hört der Spaß auf. Noch dramatischer wird`s, wenn es um die Gesundheit der Kinder meiner Bekannten geht. (Nicht vergessen: Masern können tödlich sein und alle Kinder gehören dringendst dagegen geimpft!)

Ich kann und will nicht meine Klappe halten. Ein bisschen Humbug kann ich ja tolerieren, zum einen Ohr rein und zum anderen Ohr raus, könnte ich mir sagen, aber langsam habe ich den Eindruck, dass Zuckerkügelchen oder Mondgymnastik so eine Art „Einstiegsdroge“ für Schlimmeres sind. Erst kommt das Kind in die Anthro-Kita, plötzlich ist der Himmel voller „Chemtrails“, und dann regieren die Juden die Welt und müssen bekämpft werden, oder so ähnlich? Aus Irrationalität wird so schnell Inhumanität, die Montagsdemonstrationen sind ein schönes Beispiel.

Aber manche Leute freuen sich ja auch über Informationen (siehe oben). Also sollte ich jedes Mal eine aufklärerische Intervention starten – auch auf die Gefahr hin, als besserwisserische Nervensäge abgestempelt zu werden? Will ich beim Kindergeburtstag mit Eltern über Impfungen streiten? Und was ist mit Facebook-Freund_innen, die die unmöglichsten Sachen liken und zum Beispiel diesem spinnerten Ken Jebsen folgen? Soll ich die dauernd alle anschreiben und informieren? Oder einfach entfreunden und ignorieren?

Wie gehen andere mit so etwas um, zum Beispiel die Leser_innen meines Blogs? Ich freue mich über Antworten, behalte mir aber wie immer vor, die Kommentare per Hand frei zu schalten – oder manchmal auch nicht.

 Anti-esoterische Grüße, eure Schlotte Kamuffel

 

 

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36 Antworten zu „Friedensdemos“, Esoterik und der ganze andere Quatsch

  1. Mittlerweile ganz gelassen schreibt:

    Ach die Schlotte schon wieder *seufz*
    Hat die Wirklichkeit dich mal wieder angetriggert, so das dein Beißreflex wieder die Oberhand erlangt ?
    Beete doch zu Bomber-Harris, vielleicht wirft der noch ein paar 500kg Päckchen Antifaschismus auf die pösen Montagsdemos ab.
    Warum ist eigentlich der real existierende Faschismus in der Ukraine (powered by USA,NATO, EU, FED, Bertelsmann Stiftung, et cetera) für dich kein Thema ?

  2. Robert Albrecht schreibt:

    Genau so denke ich auch über den Schmarren der auf den Demos verbreitet wird. Bin dem auch fast auf den Leim gegangen bis ich den Beitrag auf 3 sagt mit Jutta sah. Angefangen hatte ja alles mit dem offenen Brief an Frau Merkel. So bin ich über eine FB-Userin überhaupt erst mit Lars Mährholz. Heiko Schwarz in Berührung gekommen. Anfangs ging es ja noch um TTIP/CETA. Nach der 1. Demo kristallisierten sich aber schnell die eigentlichen Themen heraus. Mit den Leuten lässt sich auch nicht mehr reden. Kritik wird sofort abgeblockt und gelöscht.

  3. Karsten Heyde schreibt:

    Ich bin auch weit weg von Esoterik und anderem … ähm … naja … so ein Zeug. Aber das mit der Bernsteinkette funktioniert :-). Und eigentlich habe ich auch nichts gegen Waldorf-Schulen an sich. Das hängt wohl von der jeweiliegn Einrichtung ab. Ken Jebsen war wohl in einer der weniger guten Kindergärten. Laut Wikipedia ist er zumindest dort gewesen. Aber ansonsten ein sehr launischer Text, dem ich weitgehend zustimme.

  4. schlottekamuffel schreibt:

    Mir egal, in welchem Kindergarten der Ken Jebsen war ;). Ich habe auch schon oft gehört, dass es bei den Waldorfschulen und Kitas sehr verschieden läuft, aber da bleibt, dass sie sich immer auf Steiner beziehen, meistens heißen die ja sogar nach dem, oder?

  5. Kryptische schreibt:

    Den Text hätte ich schreiben können – genau das erlebe ich tagtäglich. Meist versuche ich auch nur meine Beherrschung nicht zu verlieren, ruhig zu bleiben und falls möglich auch aufzuklären. Aufklärung wird aber leider für Gewöhnlich als persönliche Beleidigung und Angriff gesehen. Ich habe einen anderen Weg gefunden damit klar zu kommen: Ich verlinke sinnvolle Seiten und Texte auf Facebook oder eben auch in Mails oder als Kommentar und hoffe einfach, sie werden wahr genommen, manchmal versuche ich auch vernünftig zu bloggen (aber in letzter Zeit fällt mir das auch schwer), die GWUP ist auf jeder meiner HP Seiten verlinkt etc. Also mit anderen Worten: Ich streite nicht mehr, ich diskutiere nicht, sondern zeige einfach nur kommentarlos was ich für richtig halte und gebe Infos so weiter. Und offen gestanden versuche ich persönliche Gespräche mit Esoleuten und Antisemiten zu vermeiden und diskutiere diese Themen alle nicht mehr aus. Wer wirklich was dazu wissen will, findet Informationen in den Links und wer dann noch nicht überzeugt ist, dem ist ja nicht zu helfen.

    • schlottekamuffel schreibt:

      Ja, gute Idee, sachlich bleiben, entsprechende Links verschicken – und sich bloß nicht in Endlos-Diskussionen über Unsinn verstricken lassen, das ist dann doch manchmal Zeitverschwendung. Danke für deinen Kommentar!

      • Kryptische schreibt:

        Das mit dem sachlich bleiben klappt bei mir nicht immer. Mein Sarkasmus kommt zu oft durch, vor allem wenn ich blogge. Aber irgendwie muss es ja auch ein Ventil geben, sonst platze ich noch. Nur im direkten Kontakt versuche ich den Sarkasmus zu vermeiden oder eben gar nichts mehr zu sagen. Vielleicht hilft das Alter dabei, mit jedem Jahr werde ich ruhiger, wenn es so weiter geht, habe ich gute Hoffnung, mit etwa 100 ganz sachlich und ruhig zu bleiben… hmm..

  6. sebastianleist schreibt:

    Ach ja… Ich persönlich fühle mich ja als Aufklärer und kann nie die Fresse halten wenn es um solche Esoterik-Themen geht. Aber meist lasse ich den Leuten ihren Glauben. Bei Themen die allerdings Demokratie und Menschenrechte in Frage stellen wird es allerdings wirklich ernst! Da muss vehement widersprochen werden!

  7. schlottekamuffel schreibt:

    Das sehe ich ähnlich, wobei ich mir bei Gesundheitsthemen auch meine Kommentare nicht verkneifen kann/will. Das Impfthema zum Beispiel, mir macht das Sorge, wenn Kinder nicht vor schlimmen Krankheiten geschützt sind, nur weil ihre Eltern irgendwelchen abstrusen Websites mehr glauben als dem Kinderarzt/der Kinderärztin.

  8. Pingback: #montagsquerfront: 10 Fakten über die neuen Montagsdemos, die man wissen sollte [Update] | indub.io

  9. Flash schreibt:

    Hallo Jungs und Mädels,
    Ihr habt wirklich Sorgen.
    Falls Ihr es noch nicht mitbekommen haben solltet, stehen wir unmittelbar vor der größten Katastrophe in der Menschheitsgeschichte, d.h. einem 3.Weltkrieg.
    Und spätestens danach werden sich die meisten derartigen Probleme sowieso weitgehend von selbst erübrigen.
    Also träumt weiter oder versucht, Euch möglichst in Sicherheit zu bringen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Flash

  10. Sebastian schreibt:

    Das man pauschal alle Alternativen Möglichkeiten zu dem uns täglich vorgekauten Mainstream schlecht redet, kann ich nicht verstehn. Ihr denkt wahrscheinlich auch noch dass Fleisch und Milch ganz wichtig sind!!! Fleischfresser werden aussterben und somit auch Eure Meinungen!!! Viele Grüße Sebastian

    • schlottekamuffel schreibt:

      Ach Sebastian, wen meinst du denn, wenn du „ihr“ schreibst? Wo werden alle Alternativen zum Mainstream schlecht geredet? Und was haben Fleisch und Milch mit dem Thema zu tun? Und wer mit welchen Meinungen soll jetzt sterben? Erklär mir insbesondere Letzteres doch bitte mal genauer!

  11. Robert Albrecht schreibt:

    mich würde auch mal interessieren was für Mainstream,ist es die Bunte usw oder RTL? Es gibt doch genug Alternativen. 3sat,Arte selbst Sendungen die kritisch mit Themen umgehen. Umschau,Kontraste,die Story.Wenn man natürlich von früh am Morgen bis spät Abends sich Daily-Soaps und Reality-Soaps sowie Salesch und Hold reinzieht kann man nichts anderes erwarten.

    • schlottekamuffel schreibt:

      In meinem Text gibt es einen Abschnitt, der von einer Rezension einer Mainstream-Zeitung handelt. Da wurde in einem Artikel „Die Bandbreite“ abgefeiert, eine völlig durchgeknallte Hip-Hop-Gruppe, die bei Reichsbüergerdeppen und „Friedensdemos“ auftritt. Also, kann er sich doch freuen… 🙂

      In der Tageszeitung meiner ehemaligen Heimatstadt Bielefeld steht eine überschwängliche, positive Kurzrezension zu einer Platte der Band „Die Bandbreite“. (Erklärung: „Die Bandbreite“ = eine völlig verwirrte, zum Glück recht unbekannte Hip-Hop-Band aus dem Ruhrgebiet, die immer wieder durch antisemitische Hetze und üble Verschwörungstheorien in ihren Texten auf sich aufmerksam macht). Ich bin davon überzeugt, dass die Redaktion besagter Zeitung keine Ahnung hat, was sich hinter der Bandbreite verbirgt. Wer kennt schon die “Bandbreite”, in den Charts waren die ja glücklicherweise noch nie. Der Autor des Textes, den ich von früher kenne, postet bei Facebook ähnlichen antisemitischen Müll wie die oben erwähnte Frau. Ich überlege, ihn anzuschreiben, denke sogar kurz über einen Leserinnenbrief an die Zeitung nach, schreibe aber nichts. Inzwischen ist das alles schon ein Weilchen her, ich ärgere mich bis heute, dass ich nichts gemacht habe.

  12. Nazienkel schreibt:

    Gute Betrachtung. Auch ich habe ein paar Verschwörungsspinner im Bekanntenkreis, bzw., hatte. Diese haben nämlich scheinbar gar keine Lust auf mich, der ich ständig jede Theorie über „Schwundgeld“, FED, Israelkritik^^ schlechtmachte.

    Tja – die Spreu und der Weizen.
    Das private ist politisch.
    Und der Glaube eben religiös.

    Kein Platz für Häretiker…

    • schlottekamuffel schreibt:

      Hallo, danke für deinen Kommentar. Ich war gerade bei einer Veranstaltung mit Jutta Ditfurth hier in Berlin. Sie meinte mit Bezug zu den „Friedensdemos“: „Werdet nicht zu Sozialarbeitern oder Therapeuten für diese Leute!“ Außer wenn es um Jugendliche geht, hält sie das für verschwendete Zeit und Mühe. Sie meint, wer jetzt – nach so viel Aufklärung und kritischer Berichterstattung – noch dort hin geht, hat ein festes, wenn auch komplett abgedrehtes Weltbild, und ist einfach nicht bereit, noch etwas dazu zu lernen. Ich fürchte sie hat Recht.

      • Nazienkel schreibt:

        Ja, sollten einem die Verirrten nicht zu sehr am Herzen liegen, ist eine Diskussion darüber leider meist zu aufreibend: Von den verzerrten Standpunkten und geschlossenen, dualen Weltbildern abhängig, erinnern mich solche Gespräche an welche mit religiösen Fundamentalisten – man selbst ist eben immer in der Position des Nichtwissenden und von „Ihnen“ korrumpiert…

  13. Pingback: classless Kulla » Blog Archive » Etwas längere Entschwörung zu Montagsdemos und allem

  14. magentasquare schreibt:

    Hm, ich hab meine Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Bezeichnung von Wahn als Antisemitismus. Und noch mehr Zweifel an der Behauptung, jede Kritik an Israels Politik sei antisemitisch. Wer z.B. Chris Hedges allen Ernstes als Antisemiten bezeichnet, macht sich ja vollkommen lächerlich.

    Umgekehrt sind diejenigen, die Israels Politik programmatisch kritiklos gegenüberstehen, deswegen ja noch lange nicht vom Verdacht des Antisemitismus befreit. Bei den pro-Zionistischen Islamhassern verkommt die Israelflagge zum Feigenblatt für den darunter schwelenden Antisemitismus. Slavoj Zizek hat völlig recht, wenn er von „pro-Zionistischen Antisemiten“ spricht. Sowohl pi-news als auch Anders Breivik kombinieren mühelos „Israel als Bollwerk gegen den Islam“ und „Juden haben zuviel Einfluss auf unsere Politik“.

    Es ist allzuleicht, sich über Chemtrail-VTs und Impfgegner lustig zu machen, all das als „Quatsch“ abzutun und diese Menschen in ihren sicherlich unbedarft formulierten aber eben dennoch ernsthaften Ängsten und Orientierungsbedürfnissen als potentiell gefährliche Spinner zu schmähen. Aber nützt das nicht genau denen, die die naive Sinnsuche solcher Menschen zu Zwecken radikaler Indoktrination nutzen wollen? Wieso sollten Linke der AfD dieses Feld einfach so überlassen? Einfach darauf hoffen, dass alle die es auch nur möglicherweise verstehen, es von alleine verstehen werden?

  15. magentasquare schreibt:

    Noch zu Homöopathie. Natürlich ist die objektive Wirkungslosigkeit bzw. tatsächliche Schädlichkeit dieser esoterischen „Medizin“ vollkommen erwiesen. Gleichzeitig hat sich aber auch gezeigt, dass Placebos selbst dann „wirken“, wenn der Patient weiß, dass es sich um ein Placebo handelt.

    Mein Ratschlag an dich, Kamuffel: Sei etwas weniger autistisch. Klar kommt das von den ganzen Impfungen, die du als Kind erhalten hast (Scherz), aber bemühen könntest du dich dennoch. Ignoriere nicht die Macht der Suggestion, ganz gleich wie sehr du aufgeklärte Person deine suggestibleren Mitmenschen auch offensichtlich verachtest. Les non-dupes errent, liebes Kamuffel.

    Menschen haben nunmal soziale Grundbedürfnisse, die in der kapitalistischen Ordnung systematisch ignoriert werden. Diese Grundbedürfnisse treten in Ersatzformulierungen zu Tage, z.B. Esoterik-„Medizin“ oder auch Facebook-„Freundschaften“.

    Übrigens, übers Ziel hinausschießen kann man nicht nur in eine Richtung. Dies zeigt sich ganz eindrucksvoll am Thema Klimawandel. Die einen leugnen ihn bzw. seine Anthropogenität. Die anderen (sog. „Doomer“ und „Prepper“) übertreiben in die andere Richtung. Genau dasselbe trifft auch auf Israelkritik zu, auf Kritik an der Pharmaindustrie und auf Placebos.

    Davon abgesehen, finde ich es schwachsinnig, Antisemitismusvorwürfe abzustreiten. Meine Befürwortung eines Verbotes der Genitalverstümmelung an männlichen Kindern macht mich in den Augen vieler jüdischer Menschen zweifelsfrei zu einem Antisemiten. Aber ich überlasse anderen Menschen und Gruppen nicht die alleinige Deutungshoheit über Kategorien, die mir bedeutsam erscheinen.

    • schlottekamuffel schreibt:

      magentasquare, du schreibst sehr viel, vielleicht möchtest du zur Abwechslung mal etwas lesen? Zum Beispiel über Israaelkritik und Antisemitismus. Oder über den Unterschied zwischen Genitalverstümmelung und Beschneidung.

      Dass du das Wort „autistisch“ verwendest, um mich zu diskreditieren, ist nicht in Ordnung und zeigt, dass dir trotz der vielen, vielen Worte offenbar gute Argumente fehlen. Ich verzichte in Zukunft gerne auf deine „Ratschläge“!

      • magentasquare schreibt:

        Ha! Na, dann will ich dir auch mal ein paar Leseempfehlungen geben. Zum Beispiel die Sorrells-Studie, die gezeigt hat, dass die als „Beschneidung“ verharmloste Vorhautamputation sämtliche der empfindlichsten Areale des männlichen Geschlechtsorgans unwiderbringlich zerstört.

        Darüberhinaus haben Studien gezeigt, dass die überwältigende Mehrzahl aller beschnittenen Frauen problemlos Orgasmen erleben können: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17970975 Auch die schwedische Anthropologin Sara Johnsdotter kam zu ähnlichen Ergebnissen.

        Wer von einem kategorischen Unterschied bzgl. medizinisch nicht notwendiger Amputationen an den Genitalien von Kindern spricht, ist bestenfalls uninformiert und schlimmstenfalls informationsresistent. Es geht um das Grundrecht auf Unversehrtheit des Körpers. Und, auch wenn du das längst wissen solltest, es werden selbst Varianten der weiblichen „Beschneidung“ als „Genitalverstümmelung“ bezeichnet und sind strikt verboten, bei denen keinerlei Gewebe entfernt wird.

        Da hab ich also intuitiv einen absoluten Volltreffer gelandet: Du selbst bist wirklich alles, was dich an anderen Menschen stört.

        Zum Thema Israelkritik kann ich dem informationsinteressierten Leser dann noch einfach ein paar Namen nennen:

        Chris Hedges, bereits erwähnt, hier zwei Truthdig-Kolumnen von ihm:
        http://www.truthdig.com/report/item/imploding_the_myth_of_israel_20131103
        http://www.truthdig.com/report/item/israels_war_on_american_universities_20140316

        Außerdem Max Blumenthal, der seit Erscheinen seines Buches „Goliath: Life and Loathing in Greater Israel“ als selbsthassender Jude und Antisemit verschrien wird.

        Noam Chomsky kann in Gegenwart zionistisch gesinnter Menschen ja ohnehin schon gar nicht mehr erwähnen, ohne direkt als Antisemit beschimpft zu werden. Und, und, und. Die Liste ist lang.

        Egal. Ich hab dich geprüft und für zu leicht befunden. Schönen Tag noch.

      • schlottekamuffel schreibt:

        Herzlichen Glückwunsch, du hast irgend etwas gewonnen. Und ich bin getroffen und zu leicht. Und jetzt gehst du mal woanders spielen, ok?

  16. abenen schreibt:

    also danke erstmal für den text, sowas habe ich nach eigenen wiederholten frustrationen über die so selbstverständlich geäusserten esoterischen binsenweisheiten und kalendersprüche aus dem umfeld gebraucht! finde aber (!), dass solche haltungen gar nicht etwa harmlos wären. denn. was passiert häufig? – die welt wird wieder zurechtgerückt – auf kosten der opfer. zum beispiel karma. zum beispiel varianten positiven denkens. es werden nicht nur die ursachen von etwa krankheit, misshandlung und gar kollektivem unglück in die betroffenen selber verlegt und damit victim blaming betrieben, es wird durch diese individualsierung auch von den politisch-gesellschaftlichen systemischen gründen abgelenkt, womit einem autoritativen status quo zugearbeitet wird und mit der macht und den privilegierten kooperiert. also ja doch, ich finde, allen grund aufzubrausen und diesem scheiss, der ja wohl doch nur der komfortablen auflösung kognitiver dissonanz einer ungerechten welt dient, gegenzuhalten. so…thanks!

    • Mireille von Salbach schreibt:

      So hatte ich das noch nie gesehen, aber du hast irgendwo recht. Wobei die Auflösung der kognitiven Dissonanz, die durch allgemeine Ungerechtigkeiten hervorgerufen wird, allerdings auch Gegenstand aller monotheistischenr Religionen ist.

  17. Mireille von Salbach schreibt:

    Hallo, Schlotte….ich stimme dir in vielem zu. In vielem sprichst du mir aus der Seele. Aber schade finde ich, dass auch du Homöopathie mit Esoterik gleich setzst. Es gibt mittlerweile so viele Ärzte, die gute Erfahrungen mit Homöopathie gemacht haben, dass es fast schon vermessen wäre, das Thema nur noch im politische Kontext zu sehen und sämtliche Heilpraktiker, Homöopathen und Ärzte, die alternativen Heilmethoden eine Chance geben, mit VTs und Esoterikern in einen Topf zu werfen. Von Patienten, die einfach nur offen sind für „unorthodoxe“ Methoden und ansonsten gänzlich unverdächtig, Ken Jebsen etc. das Wort zu reden, ganz zu schweigen. Gilt das eigentlich nur für die Homöopathie oder lehnst du alle Heilmethoden ab, die nicht im klassischen Sinn schulmedizinische sind? Also auch Akupunktur, TCM etc.. Und dann hätte ich noch ne Frage…Bist du der Meinung, dass es keine Pharmalobby gibt bzw. wenn doch, dass sie kein Problem darstellt und die pharmazeutische Industrie in erster Linie im Interesse der Patienten handelt bzw. schon im eigenen Interesse, aber nur solange es dem Patientenwohl nicht entgegen steht? In diesem Sinne….:-)

    • schlottekamuffel schreibt:

      Hallo, ich lehne alle Heilmethoden ab, deren Wirksamkeit nicht wissenschaftlich belegt ist, dazu gehört die Homöopathie. Ja, es gibt eine Pharmalobby, die natürlich wirtschaftlichen Interessen folgt, aber ich habe ja auch nie behauptet, dass das nicht so sei.

      • poiret schreibt:

        Hallo Schlotte,
        Homöopathie ist eine „Heilmethode“, deren Wirksamkeit nicht wissenschaftlich belegt ist. Das stimmt, soweit ich weiß. Es gibt keine unter den peers anerkannte Studie, die die Wirksamkeit der Homöopathie belegt. Aber das ist eine ganz andere Aussage als die, die Du im Text triffst: dass es widerlegt sei, dass die Homöopathie wirkt. Das ist (wiederum soweit ich informiert bin) nicht der Fall, eine solche Widerlegung gibt es nicht. Das zwischen den beiden Aussagen ein Unterschied besteht, hat unter anderem damit zu tun, dass nicht so recht klar ist, auf welche Weise man die Wirksamkeit der homöopathischen Verfahren überhaupt nachweisen kann. Es ist relativ zweifelhaft, dass das mit denselben Nachweismethoden geschehen kann, die für gewöhnlich in der wissenschaftlichen Medizin für Medikamente verwendet werden, nämlich randomisierte Doppelblindstudien. Fast alle bisherigen Versuche, die Wirksamkeit von Homöopathie zu belegen, haben sich aber eben dieses Mittels der randomisierten Doppelblindstudie bedient.
        Du sagst außerdem, dass Du alle Heilmethoden ablehnst, deren Wirksamkeit nicht wissenschaftlich erwiesen ist. Ich bin mir nicht ganz sicher, was das bedeutet. Was man allgemein „Schulmedizin“ nennt, ist überall durch Methoden geprägt, deren Wirksamkeit nicht in demselben Sinne wissenschaftlich erwiesen ist, wie die Wirksamkeit von Aspirin gegen Bluthochdruck wissenschaftlich erwiesen ist. Eine Hausärztin verschreibt einer Patientin zum Beispiel ein Mittel gegen das Leiden X, stellt dann fest, dass das Mittel nicht hilft, und verschreibt ein anderes Mittel gegen dasselbe Leiden, und das Mittel hilft dann. Diese zwei Schritte ergeben zusammen ein Behandlungsverfahren. Aber die Wirksamkeit dieses Verfahrens ist nicht in einer randomisierten Doppelblindstudie getestet worden. Getestet wurden nur die beiden Medikamente einzeln. Dass man trotzdem sinnvollerweise so vorgehen kann — dass es also sinnvoll ist, erst das eine und, falls es nicht wirkt, dann das andere Medikament zu verschreiben — weiß die Hausärztin aus ihrer klinischen Praxis, ihrer Erfahrung, nicht aus einer wissenschaftlichen Studie. Und das ist, scheint mir, ganz gut und richtig so: man kann nicht jeden Aspekt einer Behandlung wissenschaftlich testen. Urteilsvermögen, gesunder Menschenverstand und Erfahrung müssen immer mit dabei sein. Und genau auf diese Dinge berufen sich Homöopath\inn\en (und ihre Patient\inn\en) auch: Sie sagen, dass sie die Erfahrung gemacht haben, dass die Homöopathie hilft. Jede Vermutung, dass ein Medikament oder eine Behandlungsmethode helfen könnten, fängt außerdem genau so an: man macht die (wissenschaftlich ungedeckte) Erfahrung, dass etwas wirkt, und versucht später, diese Erfahrung zu belegen oder zu widerlegen.
        Falls das halbwegs stimmt, was ich hier schreibe, ist es ziemlich unsachlich, Antisemit\inn\en, Chemtrailverschwörungstheoretiker\innen und Homöopath\inn\en in denselben Topf mit der Aufschrift „Antiaufklärerischer Verschwörungs- und Esoschwachsinn“ zu werfen. Immerhin werden immer wieder in renommierten Forschungszeitschriften Studien zur Wirksamkeit der Homöopathie veröffentlicht. Aber kein\e Wissenschaftler\in forscht zu der Frage, wer hinter der Chemtrail-Verschwörung steckt oder mit welchem Gift die trails heute wieder versetzt waren. Und mir ist nicht ganz klar, was Du gewinnst, wenn in diesem Sinne unsachliche Zusammenstellungen vornimmst.
        All the best
        poiret

      • schlottekamuffel schreibt:

        Ich würde keine Hausärztin aufsuchen, die Homöopathie anwendet. Mir ist es lieber, wenn eine Ärztin aktuelle Studien kennt und daraus vernünftige Schlüsse zieht, als wenn sie sich auf „Erfahrungen“, „uraltes Wissen“ (sehr beliebt in der Eso-Szene) oder sogar Gefühle beruft. Und was verstehst du unter dem „gesunden“ Menschenverstand, was ist „kranker“ Menschenverstand? Wer sagt, welcher Verstand „gesund“ oder „krank“ ist? Das ist kein schlaues Argument für oder gegen irgend etwas, es ist ein klassisches Totschlag-Argument, das immer in den Raum geworfen wird, wenn Menschen ihre Thesen nicht belegen, also durch Fakten stützen können.

        Es ist sehr putzig, dass du mir mangelnde Sachlichkeit vorwirfst, aber gleichzeitig von Chemtrails redest, die erforscht werden sollen. Es gibt keine Chemtrails. Was ich gewinne? Nun ja, ich weiß es auch nicht. Aber dein Kommentar ist doch eigentlich ein ganz schöner Beleg dafür, dass manche Leute, die an Quatsch-Medizin glauben, auch dazu tendieren an Chemtrails und anderen Unsinn zu glauben… Also danke dafür! 🙂

  18. poiret schreibt:

    Oha, nein, sorry, da sind jetzt eine ganze Menge Missverständnisse unterwegs. Ich denke, dass Chemtrail-Verschwörungstheorien ganz offensichtlich kompletter Schwachsinn sind, und in dieser Ansicht stimme ich (wie mein Verweis auf die Tatsache, dass es keinerlei Forschung zu Chemtrails gibt, illustrieren sollte) mit dem common sense überein. Die Frage, ob Homöopathie wirkt oder nicht, ist ganz klar keine Frage, die man mit: „Offensichtlich ist Homöopathie Schwachsinn“ beantworten kann. Und dass das so ist, sieht man unter anderem daran, dass es in renommierten wissenschaftlichen Zeitschriften bis heute Studien gibt, die den Zweck haben, eben diese Frage zu beantworten. Das heißt: Mediziner, die denken, dass Behandlungsmethoden ihre Wirksamkeit nachweisen müssen, nehmen die Frage ernst und tun sie nicht einfach als Unfug ab. Ich selbst bin agnostisch hinsichtlich der Frage, ob Homöopathie wirkt oder nicht. Ich denke, die Frage ist bisher nicht positiv oder negativ beschieden, und ich habe in meinem ersten post ausgeführt, warum (nicht nur) ich das denke. Aber der Unterschied zwischen der Frage, ob Homöopathie funktioniert und der Frage, ob die Chemtrail-„Theorie“ wahr ist, ist gravierend, und in dieser Hinsicht — und nur in dieser Hinsicht — ist es unsachlich, so zu tun, als gehörten beide Haltungen in dieselbe Eso-Schwachsinn-Ecke. Das ist die Erklärung für „unsachlich“.

    Und die Erklärung für meine Verwendung des Begriffs „gesunder Menschenverstand“ ist ziemlich unspektakulär — es ist synonym mit „vernünfig“, das Du ja selbst auch verwendest. Eine Hausärztin, die drei Mal die Erfahrung gemacht hat, das ein bestimmtes Antibiotikum A bei einer bestimmten Patientin nicht wirkt, ein anderes Antibiotikum B aber sofort anschlägt, und die trotzdem darauf beharrt, dass die Patientin A zuerst probiert, statt ihr gleich B zu geben, die zeigt in dieser Entscheidung wahrscheinlich keinen gesunden Menschenverstand. Was gar nichts anderes heißt, als dass es nicht vernünftig oder nicht medizinisch angemessen ist, so zu handeln. (Klar, wir können uns alle möglichen Umstände ausdenken, unter denen es doch vernünftig und angemessen sein kann, so zu handeln — deswegen habe ich geschrieben „wahrscheinlich“. Aber das Beispiel ist, hoffe ich, trotzdem verständlich.) Die allermeisten Kolleginnen würden dieser besonderen Patientin gleich B verschreiben, und nicht erst A probieren. Und das wäre dann vernünftig, oder medizinisch angemessen, oder würde „gesunden Menschenverstand“ zeigen — alles völlig equivalente Ausdrücke, zumindest gemäß der Bedeutung von „gesunder Menschenverstand“, die ich verwendet habe.

    Von in der Eso-Szene beliebtem „uraltem Wissen“ und „Gefühlen“ als Grundlage für medizinische Entscheidungen habe ich nirgends gesprochen, und ich hatte auch nicht die Absicht, irgendetwas in dieser Art zu befürworten. Letztlich wollte ich nur den Punkt machen, dass sehr viele von den Leuten, die eine homöopathische Behandlung akzeptieren oder anwenden, sich auf genau denselben gesunden Menschenverstand berufen, den eine Ärztin anwendet, die mehrmals die Erfahrung gemacht hat, das ein bestimmtes Medikament bei einer bestimmten Patientin nicht wirkt, ein anderes aber durchaus. Die Leute sagen einfach: „Die Globuli XY zu schlucken hat bei mir immer funktioniert, also mach ich es wieder“. Wenn ich das so sage, behaupte ich damit NICHT, dass es wirklich so sein muss, dass die Globuli XY in diesem Fall irgendeine Wirkung hatten. Der Placebo-effekt oder das gute alte Immunsystem könnten die Erklärung für das Verschwinden der Krankheit nach dem Schlucken der Globuli sein. Deswegen braucht es eben wissenschaftliche Methoden, um so eine Erfahrung, die nur einen Anfangsverdacht darstellt, zu bestätigen oder zu entkräften. Aber das heißt umgekehrt nicht, dass die Erfahrung für sich genommen, ohne den wissenschaftlichen Beweis, keinen Wert hat. Das habe ich in meinem ersten post zu erklären versucht: Auch die Ärztinnen und Ärzte, die Medikamente verschreiben, deren Wirksamkeit in klinischen Studien belegt ist, verlassen sich in ihrem Praxisalltag immer und überall auf ihre Erfahrung und ihren gesunden Menschenverstand. Und genau deshalb ist es nicht absurd oder offensichtlich schwachsinnig, homöopathische Mittelchen zu schlucken. Die Grundlage für so eine Entscheidung kann etwas durch und durch Respektables sein, das auch Schulmediziner in ihrer Praxis überall brauchen: Die auf Einzelfällen basierende Erfahrung, das eine bestimmte Wirkung eintritt, nachdem eine bestimmte Heilmethode angewendet wurde.

    Ich hoffe, das beseitigt die Missverständnisse. Nur, um es nochmal klar zu sagen: Ich bin kein Parteigänger der Homöopathie, und auch kein Impfgegner, und kein Steinerianer. Ich denke nur, dass es wichtig ist, verschiedenen Meinungen so ernst zu nehmen, wie sie es verdienen. Das heißt, ich denke, differenzierte Bewertungen sind unverzichtbar. Und Chemtrail-„Theorien“ verdienen eine ganz andere Einordnung als zum Beispiel Antisemitismus (der falsch und gefährlich, aber zudem noch populär und teilweise sogar mehrheitsfähig ist, ganz anders als die Chemtrail-„Theorien“) und Homöopathie (die einfach eine wissenschaftlich nicht ausreichend untersuchte Heilmethode ist, auf die sehr viele Leute schwören, und zwar teilweise, sicher nicht immer, aus ganz und gar respektablen Motiven heraus).

    All the best
    pioret

  19. Svenja schreibt:

    Liebe Schlotte Karmuffel,

    völlig unbekannterweise möchte ich dir für diesen Text danken. Auf deinen Blog bin ich einmal gestoßen, als irgendeine Facebookbekanntschaft einer meiner Facebookbekanntschaften einen Artikel von dir verlinkte – über Umwege also. Den Artikel fand ich so gut, dass ich mich eben daran erinnerte und deinen Blog googelte. Ich finde alle deine Texte gut, aber dieser hier spricht mir so sehr aus der Seele – danke!

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