Beleidigungen – Worum es gehen sollte

Ein sonniger Samstag im April 2014. Mit ein paar Freund_innen und Bekannten radele ich gut gelaunt nach Kreuzberg. Die NPD will da rummarschieren – und das kommt ja mal gar nicht in die Tüte. Immer noch gut gelaunt setze ich mich in die Blockade an der Heinrichstraße und freue mich, dass schon so viele Menschen da sind. Und dann habe ich plötzlich ganz, ganz schlechte Laune. Da hat sich doch tatsächlich einer ein Schild gebastelt, auf dem steht: „Wissenschaftlich erwiesen: Nazis haben kleine Schwänze (und Schrumpfhoden)“. Eine Frau versucht, dem Typen zu erklären, dass weder die Größe noch überhaupt das Vorhandenseins eines Penis in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen sollten – vergeblich. „Ist doch witzig“, sagt der Typ, „und die Nazis ärgert das eben.“

Schon lange frage ich mich: Muss es denn sein, dass immer wieder auf diskriminierende Bezeichnungen und Sprüche etc. zurück gegriffen wird, wenn es darum geht, gegen Nazis zu sein? Die bieten doch genug Angriffsfläche, sie verbreiten Angst und Schrecken, begehen Gewalttaten und Morde. Das ist das Problem, und nur das. Was sie in der Unterhose haben, wie sie aussehen, ob sie dumm sind, dass die Rednerin mal eine Frau ist und mit wem die ins Bett geht, dass eine Nazifrau mal in Pornos mitgespielt hat, ist nicht das Problem. Echt nicht.

Immer wieder läuft es mir kalt den Rücken runter, wenn ich im Netz sehe, dass da Wörter wie „Loser“ oder „schwarzbraune Bildungsverlierer“ benutzt werden. Ja, diese jungen Männer, die jetzt bei Facebook Kartoffel-Selfies posten, sind lustig anzusehen. Viele haben Pickel oder fettige Haare, manche haben Namen, die mit bestimmten Klischees verbunden werden. Einige kommen bestimmt auch aus Ostdeutschland. Und dann machen sie auch noch Rechtschreibfehler. Aber das ist nicht der Punkt. Diese Jungs machen diese Fotos, um ihren deutschen Nationalstolz zu präsentieren und auf angeblichen „Deutschenhass“ aufmerksam zu machen. Darum sollte es gehen.

Was ist überhaupt ein „Bildungsverlierer“? Einer, der keinen guten Bildungsabschluss hat, klar, der muss ja dumm sein. Dass die meisten sogenannten „Bildungsverlierer“ zu solchen geworden sind, weil ihnen Chancen verwehrt blieben, fällt unter den Tisch, auch dass jeder und jede durch Jobverlust, Krankheit, persönliche Krisen, usw. ratzfatz zum „Loser“ werden kann. Besonders schade finde ich, dass die Leute, die so etwas schreiben eigentlich ja auch gegen Vorurteile, Sexismus, „Unterschichten“-Bashing, Lookism, Classism, Racism, Ableism, etc-ism sind. (Das setze ich jetzt einfach mal voraus bei Menschen, die sich in dem Spektrum bewege, von dem ich rede, also z. B. in Facebookgruppen, in denen es um Antifa und linke Politik geht.) Trotzdem wollen sie sich über andere stellen, benutzen „dumm“ als Kategorie, um jemanden abzuwerten und sich abzugrenzen.

Manche argumentieren ja so, dass sie sich eben „auf das Niveau der Gegners“ herab begeben, um diese am besten zu treffen. Man weiß ja, dass die nicht als „schwul“ oder „behindert“ oder „asozial“ bezeichnet werden wollen. Aber, Leute, was ihr dabei vergesst, ist, dass ihr in dem Moment aktiv diskriminiert – und zwar nicht nur die Nazis. Beleidigungen im öffentlichen Raum treffen nie nur die Zielperson, sie werden auch von allen anderen wahr genommen. Denkt mal darüber nach, bevor ihr das nächste Mal  „Faschisten fisten“, „All Cops are Bastards“ oder eben „Nazis haben kleine Schwänze“ schreibt.

Es bedankt sich mit freundlichen Grüßen: Eure Schlotte Kamuffel

PS: Meine Freundin C. und ich malen gerne Plakate und machen Buttons und so ein Zeug. Wenn ihr gute Vorschläge für uns habt (die müssen aber kurz sein und schön), könnt ihr die gerne posten, wir freuen uns und basteln dann los! Und hier gibt es einen sehr guten Artikel zum Thema oben: „Dumme Hellersdorfer Nazi-Prolls“, Antifaschistisches Infoblatt, 17. April 2014

 

 

 

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Beleidigungen – Worum es gehen sollte

  1. glitzer:glitz schreibt:

    Danke für diesen Blogpost! Diskriminierung ist nie cool, auch nicht gegen Nazis. Weitere interessante Denkanstöße zur Kritik an Antifa-Szene von feministischen Antifas (aus Trans*-Perspektive): http://transgenialefantifa.blogsport.de/selbstverstaendnis/

  2. Kryptische schreibt:

    Prima, Danke für diesen Beitrag, so etwas habe ich mir auch schon häufig gedacht. Ok, manchmal fällt es schwer sachlich zu bleiben, wenn man sich mit Nazis auseinander setzt, aber man sollte es trotzdem immer versuchen. Und solche Sprüche unter der Gürtellinie sind eigentlich vor allem für den Sprücheklopfer peinlich – finde ich. Gute Sprüche = gute Frage, mir fällt nichts ein. Hast du schon Vorschläge bekommen?

  3. Stephan schreibt:

    Das Problem ist alt und dumme und sexistische Schimpförter gegen Nazis wurden immer wieder (erfolgos?) kritisiert. Ein Beispiel dafür ist ein TExt über Röhm von Kurt Tucholsky: http://de.wikisource.org/wiki/Röhm_(Tucholsky)
    Schade dass sich seitdem so wenig verändert hat.
    Bei der Bezeichnung „Looser“ würde ich in einem bestimmten Kontext eine Ausnahme machen: Wenn es um die Niederlage des nazistischen Deutschlands gegen die aus ihrer Sicht „jüdisch-bolschewistischen Untermenschen“ (Sprich: Die Rote Armee) und die westlich liberalen West-Alliierten (die sie für „Schwächlinge“ gehalten hatten) geht, also nach Parolen wie „Ihr habt den Krieg verloren!“ oder „Stalingrad!“.
    Nazis haben eine extrem sozialdarwinistische Ideologie, in der „Stärke“ (oder was sie dafür halten) vergöttert wird. Ihnen ist Gewalt nicht nur ein MIttel zur Durchsetzung ihrer Ziele, sondern Selbstzweck und Lebensinhalt. Sie darauf aufmerksam zu machen, dass sie (historisch wie aktuell) nicht die siegreichen Helden sind, sondern „Looser“ kann in diesem Zusammenhang einen emanzipatorischen Sinn haben, weil es ihre Selbstinszeniert bricht.

    • schlottekamuffel schreibt:

      Danke für deinen Kommentar und den Link zu dem Tucholsky-Text, sehr interessant, kannte ich gar nicht. Ich gebe dir Recht, was deine Looser-Anmerkung angeht. „Wer nicht feiert, hat verloren“ – das habe ich auch schon mal geschrieben, am Tag der Befreiung, da finde ich das auch total okay. Beste Grüße, Schlotte

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s