Privilegiert joggen gehen

Vor einiger Zeit habe ich hier einen Text veröffentlicht, in dem es auch um männliche Privilegien ging – Aufhänger war eine Debatte um freie männliche Oberkörper bei einem Konzert in einem linken Zentrum. Ich habe sehr viele Kommentare und Mails zu diesem Text bekommen – und manche schrieben mir, es sei doch kein männliches Privileg, halbnackt rumzulaufen. Frauen könnten das doch jederzeit auch überall tun, schließlich sei das ja wohl nicht verboten.

Heute Morgen war ich joggen und musste wieder daran denken. Die Situation war so: Ich hatte eine Shorts an, ein Top ohne Ärmel und natürlich Sportschuhe. Keine 50 Meter von meinem Haus entfernt kam mir auf dem Bürgersteig ein Mann mit ausgebreiteten Armen entgegen, der andeutete, mich umarmen zu wollen. Ich machte einen Bogen um ihn, er machte eine übertriebene Verbeugung in meine Richtung.

Ich werde auch angemacht und kommentiert, wenn ich eine lange Hose und eine Jacke anhabe, aber deutlich seltener. Sobald, so wie jetzt im Sommer, meine Beine zu sehen sind, ist es eher die Regel als die Ausnahme, dass mein Körper ungefragt kommentiert wird. Durch glotzende Blicke, Pfiffe, Autohupen, Bellen, Röhren und natürlich Sprüche wie „Hey, Baby“ oder „Geiler Arsch!“. Ich weiß, ich bin nicht die Einzige, die so etwas erlebt, über Street Harassment ist schon viel berichtet worden. Ich kenne das Phänomen inzwischen seit gut 25 Jahren, ich glaube, ich war 11 oder 12, als ich zum ersten Mal mitbekommen habe, dass ein mir fremder Junge etwas über meine Brust gesagt hat.  Wenn ich 25 Jahre lang in einer Firma arbeite, bekomme ich eine silberne Uhr. Wenn ich 25 Jahre lang sexuell belästigt werde, bekomme ich – nichts.

Beim Joggen habe ich mich heute gefragt, was wohl los wäre, wenn ich den „Rat“ einiger meiner Leser_innen befolgen würde und einfach mal ohne Shirt joggen gehen würde. Warm genug war es ja, und mir kamen auch zwei Männer entgegen, die mit nacktem Oberkörper durch den Park liefen. Könnte ich das auch machen? Nein! Es würde mich in eine gefährliche Situation bringen! Mir würden höchstwahrscheinlich Männer hinterher laufen, zumindest aber müsste ich mir auf meiner Joggingrunde zahlreiche Kommentare anhören. Vielleicht würde jemand versuchen, mich anzufassen oder ein Foto von mir zu machen.

Über all diese Dinge müssen Männer und Jungen nicht nachdenken, sie können einfach das T-shirt weg lassen, wenn es heiß ist, und nichts passiert. Höchstwahrscheinlich mussten die beiden Läufer aus dem Park von heute Morgen sich den ganzen Sommer lang noch nicht einen einzigen Kommentar von einer ihnen fremden Person über ihren Körper anhören. Vermutlich sind sie auch noch nie gegen ihren Willen angefasst worden, vermutlich haben sie in vielen Situationen weniger Angst als Frauen. In diesem Sommer sind ja auch bei Männern kurze Shorts in Mode. Ich bin mir fast ganz sicher, dass diese Mode nicht dazu führt, dass Männer auf der Straße angelabert und belästigt werden.

Ich weiß, dass ist alles nicht neu. Aber trotzdem gibt es immer und immer wieder Menschen, die meinen, es gäbe keine Ungleichbehandlung der Geschlechter und Männer und Frauen hätten doch nun wirklich die gleichen Rechte und Möglichkeiten. Man kann drüber streiten, ob es sinnvoll ist, den einen ihre Privilegien weg zu nehmen, nur weil die anderen sie nicht haben. Würde es mir etwas bringen, wenn alle beim Joggen ein T-shirt tragen müssten? Ich weiß nicht. Was ich aber weiß, ist, dass Männer Privilegien haben, die Frauen nicht haben. Es macht mich wütend, dass so viele Menschen das nicht wahr haben wollen. Und es macht mich wütend, wenn Leute behaupten, man könne sich Privilegien doch einfach mal nehmen. Nein, nein, so einfach ist es nicht. …

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13 Antworten zu Privilegiert joggen gehen

  1. maganolien schreibt:

    Hi,
    ich hab nur so einen Gedanken. Vielleicht ist es Zielführender durch gesellschaftlichen Kampf das Recht auf die Unversehrtheit des eignen Körpers zu bestehen, anstatt Männern zu verbieten sich Teilweise zu entkleiden. Ich denke da an eine Ana­lo­gie: Die Reichen haben, dass Privileg des Reichtums, nun kann es nicht darum gehen Reichtum zu verbieten oder abzuschaffen, sondern den Leit­satz „Luxus für Alle“ zu verteidigen. Das ist natürlich leichter gesagt als getan.

  2. markus schreibt:

    „Ich weiß nicht. Was ich aber weiß, ist, dass Männer Privilegien haben, die Frauen nicht haben.“

    Stimmt. Und Frauen haben Privilegien die Maenner nicht haben. Und nun? Opferolympiade?

    „Es macht mich wütend, dass so viele Menschen das nicht wahr haben wollen“

    Sprach die, die nicht wahrhaben will das sie als Frau Privilegien hat die Maenner nicht haben.

    Irgendwie wirkt das nur noch schizophren.

  3. karl schreibt:

    Mich macht es wütend, dass Frauen Privilegien haben, welche Männer nicht haben. Nun sind wir beide wütend.

  4. maganolien schreibt:

    „Die Zahlen sprechen für sich: Obwohl ein Verbot der Entgeltdiskriminierung aufgrund des Geschlechts seit 1949 im Grundgesetz und seit 1957 in der EU rechtlich festgeschrieben ist, beträgt das Lohngefälle zuungunsten von Frauen in Deutschland auch heute noch 22 Prozent. Bei Vollzeitbeschäftigten sind es sogar 27 Prozent, da die Entgeltdiskriminierung mit steigendem Gehalt zunimmt.

    Ganz überwiegend werden Frauen Opfer von häuslicher Gewalt, in 90 bis 95 Prozent der Fälle sind Frauen die Betroffenen und Männer die Täter.

    Die so genannte Hausarbeit – Waschen, Putzen, Kochen – wird weiterhin in 75 bis 90 Prozent der Familien von den Frauen erledigt.“
    http://jungle-world.com/artikel/2008/49/31780.html

    ich weiß nicht, wann ich als mann das letzte mal gegen meinen willen begrapscht wurde. Für alle meine Freundinnen ist das in Clubs z.B. eine recht normale Erfahrung. dieses ganze gejammer von wegen Frauen haben doch auch Privilegien den Männern gegenüber versuchen nur die alltägliche Gewalt herunterzuspielen. da wird „Psychoterror“ auch zu häuslicher Gewalt und indirekt mit Misshandlung, körperlicher Gewalt und Vergewaltigung gleichgesetzt. Man muss sich selbst nicht zum „opfer“ machen und man begibt sich nicht automatisch in eine solche rolle, wenn man gewalt anspricht als das was es ist, dass provozieren von unmachtserfahrungen.

    • markus schreibt:

      Psychoterror kann sogar schlimmer sein…ich habe das bei meinen Eltern gesehen.

      „Ganz überwiegend werden Frauen Opfer von häuslicher Gewalt, in 90 bis 95 Prozent der Fälle sind Frauen die Betroffenen und Männer die Täter“

      Genau wegen diesen Luegen hat der Feminismus ein Imageproblem.

      Mich stoert es auch nicht mehr wenn ihr das verbreitet weil es sowieso kaum mehr jemand glaubt und auf euch zurueckfaellt.

      Faellt sogar mittlerweile vielen normalen Frauen auf das Feminismus mit Halbwahrheiten arbeitet und Maennerhass verbreitet…

      • schlottekamuffel schreibt:

        Es tut mir leid, dass deine Eltern Probleme miteinander hatten, das war sicher nicht gut für dich.

        Kannst du bitte Quellen nennen? Und wen meinst du denn wenn du schreibst „ihr“? Und wer sind „die normalen Frauen“? Und was ist „der Feminismus“?

      • markus schreibt:

        „Es tut mir leid, dass deine Eltern Probleme miteinander hatten“
        Glaube ich dir nicht.

        Es war in der Hinsicht gut um zu sehen wie haeusliche Gewalt funktioniert.

        Vater kommt von der Arbeit heim, Mutter schreit ihn an, putzt ihn vor uns Kindern (uns hat er nie geschlagen) runter..knallt dir Tuer zu…kommt wieder rein, schreit wieder rum…

        Und das 5 bis 1 0!! mal hintereinander…irgendwann wird es ihm zu viel und verdrischt sie…

        Ich fande das dann auch nicht gut, weder das Verhalten meiner Mutter noch von meinem Vater. Aber ich hab doch gesehen wer die Konfrontation immer wollte und wer mit dem Psychoterror angefangen hat.

        Hast du maganolie nach Quellen fuer ihren Quatsch gefragt den sie hier absondert?

        Wieso bist du jetzt auf einmal so scharf drauf?

        Das ist doch genauso eine Schiene von euch. Genau das wofuer ihr auch in der Kritik steht.

      • schlottekamuffel schreibt:

        Das hört sich schrecklich an, es ist immer schlimm, wenn Kinder Streit und Gewalt in der Beziehung der Eltern miterleben müssen. Aber die Schilderung deiner persönlichen Problematik ist leider kein Beleg für irgend etwas…

      • markus schreibt:

        „Aber die Schilderung deiner persönlichen Problematik ist leider kein Beleg für irgend etwas…“

        Sag das mal den #Aufschreitanten….

      • schlottekamuffel schreibt:

        Ok, mach ich. Und jetzt geh bitte weg, ich habe leider keine Zeit mehr für dich.

  5. maganolien schreibt:

    Das sind die ganz offiziellen Zahlen vom bmfsfj:

    „Von den meisten Gewaltdelikten sind Frauen seltener als Männer als Opfer betroffen. Dies gilt nicht für Sexualdelikte, die sich ganz überwiegend gegen weibliche Opfer richten, und auch nicht für Raubdelikte gegenüber Opfern über 60 Jahren.

    Gewaltdelikte gegen Frauen (insbesondere Körperverletzungs- und Tötungsdelikte) sind häufig Beziehungstaten, bei denen eine Verwandtschaft oder Bekanntschaft zum Tatverdächtigen besteht. Männliche Opfer haben dagegen in der Mehrzahl der Fälle höchstens eine flüchtige Beziehung zum Tatverdächtigen.

    Dunkelfeldstudien zeigen: Von körperlicher Gewalt in heterosexuellen Paarbeziehungen scheinen Männer zunächst – rein quantitativ – in annähernd gleichem Ausmaß wie Frauen betroffen zu sein. Werden aber der Schweregrad, die Bedrohlichkeit und die Häufigkeit erlebter Gewaltsituationen einbezogen, dann zeigt sich, dass Frauen häufiger von schwerer und in hoher Frequenz auftretender Gewalt in Paarbeziehungen betroffen sind.

    Sexuelle Gewalt gegen Frauen und Männer, Mädchen und Jungen wird zu 95 bis 99 Prozent von Männern ausgeübt. Opfer sexueller Gewalt werden vor allem Frauen, Mädchen und Jungen, seltener dagegen erwachsene Männer.“

    In den letzten 30 Jahren werden Veränderungen in der Kriminalitätsfurcht verzeichnet: Bei Männern ist sie weitgehend gleich geblieben, bei Frauen dagegen, insbesondere bei jüngeren Frauen, ist sie deutlich gesunken“
    http://www.bmfsfj.de/doku/Publikationen/genderreport/10-gewalthandlungen-und-gewaltbetroffenheit-von-frauen-und-maennern.html

    „Bei Gewalt im sozialen Nahraum geht es ganz überwiegend um Männer als Täter und
    Frauen als Opfer männlicher Gewalt. Frauen werden häufig Opfer von männlicher Gewalt,
    besonders jedoch in engen persönlichen Beziehungen“ (Schweikert 2000: 67).[…]
    Ereig-nen sich die Familienstreitigkeiten dagegen zwischen Ehe- oder Lebenspartnern, dann wer-
    den Männer nur in 11% der Einsätze Opfer solcher Konflikte“ (Steffen und Polz 1991: 77).
    Bei den Tätern ist die Differenzierung nach der sozialen Beziehung eher irrelevant, da der
    Anteil der Männer hier zwischen 84% und 91% variiert (siehe ebd.: 78).
    […]
    Eine Untersuchung der Züricher Polizei stellte einen Anteil von 8,3% weiblicher Täter bei
    Fällen Häuslicher Gewalt fest. Zu 9,7% aller untersuchten Fälle waren die Opfer männlichen
    Geschlechts (siehe Steiner 2004: 65f.).
    […]
    Die eindimensionale Geschlechterzuordnung bei Beziehungsgewalt ist auch dadurch be-
    gründet, dass die Qualität von Frauengewalt gegen
    Männer sich mehrheitlich auf nichtkör-
    perliche und leichte Formen der Gewalt bezieht.“
    http://www.hamburg.de/contentblob/3566888/data/studie-phaenomenologie-beziehungsgewalt-do.pdf

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