„Krieg mal Kinder!“ – „Krieg du dich mal ein!“

Ich habe seit sechs Wochen eine neue Arbeitskollegin, mit der ich ab und zu zusammen arbeite und auch mal in den Pausen quatsche. Keine Freundschaft, kein privater Kontakt, der über einen gemeinsamen Gang zur Bäckerei hinaus geht. Und dies ist, was meine Arbeitskollegin ungelogen regelmäßig bei Kaffee und Brötchen zu mir sagt:

  • „Warum hast du eigentlich keine Kinder?“
  • „Du solltest auch Kinder kriegen, du kannst doch gut mit Kindern umgehen!“
  • „Und? Will dein Freund Kinder haben?“
  • „Hast du überhaupt einen Freund?“
  • „Wie alt bist du nochmal? Oh, dann wird es aber Zeit.“
  • „Oder willst du erst heiraten?“
  • „Krieg mal Kinder. Wenn nicht, wirst du es später bereuen.“

Ich antworte nicht auf ihre Fragen und werde es auch an dieser Stelle nicht tun. Aber wenn ich (oder irgendeine andere Person in der Situation) antworten würde, könnten die Dialoge ungefähr so aussehen:

Kinderlose Frau: Ich habe mich dagegen entschieden Kinder zu bekommen. Ich möchte keine Kinder haben. In meinem Lebensplan kommen Kinder nicht vor…

Reaktion: Das ist aber sehr egoistisch. Wer zahlt denn dann die Rente? In Deutschland brauchen wir Kinder. Irgendwann bist du ganz alt und schwach und hast keine Kinder, die dir helfen. Ein Leben ohne Kinder ist sinnlos. Du willst wohl nur an dich denken und Party machen. Du bist nicht erwachsen! Du bist ja gestört!

Kinderlose Frau: Ich hatte Krebs, meine Gebärmutter wurde entfernt. Meine Eierstöcke produzieren keine Eizellen. Mein Hormonspiegel verhindert eine Schwangerschaft. Ich habe eine chronische, ansteckende oder sonstige Krankheit. Ich würde meine Gesundheit gefährden…

Reaktion: Dann geh mal zur Praxis Blabla, zur Heilprakterin Dings oder mach Solebäder, Schlammbäder, Yoga, Morgenurin und Mondgymnastik… Ist bestimmt psychosomatisch. Kannst ja ein Baby adoptieren. Oh, nein, du Arme, das ist das Schlimmste, was ich je gehört habe, ohne Kinder kann eine Frau ja gar nicht glücklich werden, nie.

Kinderlose Frau: Ich würde gerne Kinder bekommen, aber mein Partner will nicht.

Reaktion: Wenn er keine Kinder haben will, ist er ein egoistisches Arschloch. Setz ihm ein Ultimatum/ die Pistole auf die Brust. Such dir einfach schnell einen anderen! Du kannst ja heimlich die Verhütung absetzen, dann muss er mit der Situation eben klar kommen.

Und so weiter und so fort. Sind das Themen, die irgendwer mit Leuten von der Arbeit in der Bäckerei oder im Großraumbüro erörtern will? Oder mit Bahn-Mitreisenden? Mit fremden Leuten auf einer Party? Mit dem Chef? Ist mir (und sicher vielen anderen) alles schon passiert, kein Witz!

Ich finde es immer wieder völlig absurd, dass Leute mir (und anderen) diese Fragen stellen und mir derart penetrant das Kinderthema aufdrängen wollen. Es geht mir nicht nur darum, dass die persönliche Lebensplanung/ Gesundheitsgeschichten und der Beziehungsstatus selbstverständlich Privatsache sind. Das ist doch wohl eh klar, oder?! Was mich noch viel mehr nervt, sind die Prämissen, die hinter diesen ganzen blöden Fragen/Kommentaren/ungebetenen Ratschlägen stecken:

  • Du bist eine Frau!
  • Du bist gesund!
  • Du bist heterosexuell!
  • Du hast eine heterosexuelle Beziehung!
  • Du willst dich vermehren!

Übersetzt heißt das doch nichts anderes als: Sei eine Frau! Sei gesund! Sei hetero! Hab einen Mann! Vermehr dich! Jetzt, bevor es zu spät ist! Sonst bist du keine „richtige Frau“!

„Krieg mal Kinder!“ – „Krieg du dich mal ein!“

„Irgendwann wirst du merken, dass du es bereust.“ – „Irgendwann wirst du merken, dass du nervst!“

„Warum hast du eigentlich keine Kinder?“ – „Warum hast du eigentlich keine anderen Sorgen?“

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11 Antworten zu „Krieg mal Kinder!“ – „Krieg du dich mal ein!“

  1. Anna-Luisa schreibt:

    „Und dies ist, was meine Arbeitskollegin ungelogen regelmäßig bei Kaffee und Brötchen zu mir sagt:“

    Wie kommt es, dass du dir diese Übergriffigkeiten nicht energisch verbittest?
    Warum gelingt es DIR nicht, Grenzen zu setzen?
    Diese Frau verwickelt dich nur in solche Situationen, weil du ein willfähriges Objekt bist. Statt im Internet zu klagen und lange Texte zu schreiben, solltest du deine passive Haltung überwinden und ihr deutlich sagen, dass es allein deine Sache ist und sie nichts angeht. Punkt.

    • schlottekamuffel schreibt:

      Also, es ist immer leicht, zu sagen, warum wehrst du dich denn nicht? Tja, weil ich auch nicht immer schlagfertig bin. Weil ich manchmal Konflikten aus dem Weg gehe. Weil ich manchmal denke, die Leute müssten es doch irgendwie selber merken… Und warum schreibe ich dann Texte im Internet? Weil ich das teilen möchte. Weil ich Leute dazu anregen will, ihr Verhalten zu reflektieren und zu ändern. Weil es mir manchmal eben Spaß macht, Sachen aufzuschreiben und zu sehen, wie andere darauf reagieren.

      • Anna-Luisa schreibt:

        Nicht nur in diesem Fall gilt: Wenn du nicht sagst, was dich stört, wenn du dich nicht für dich selbst stark machst, sondern so tust, als wäre alles in Ordnung, merken die Leute es nicht, sie ändern sich auch nicht.
        Deine Kollegin ist das beste Beispiel, sie darf dich „regelmäßig“ mit übergriffigen Fragen belästigen, weil du es ihr gestattest. Warum soll sie sich ändern? Wie soll sie überhaupt merken, dass es dich stört, wenn du jedesmal darauf einsteigst?

      • schlottekamuffel schreibt:

        Nee, ich steig ja nicht darauf ein, ich gebe ihr keine Antworten, aber ich wurschtel mich so raus und lenke ab, anstatt sie damit zu konfrontieren, dass sie mich echt hart nervt. Steht aber auf meiner to-do-Liste fürs nächste Mal…

      • Anna-Luisa schreibt:

        Ich drück dir die Daumen 🙂

  2. schlottekamuffel schreibt:

    Und hier noch ein Hinweis: ####
    MI, 28.01., 19:30 Uhr @ Podest
    Lesung mit Sarah Diehl: Die Uhr, die nicht tickt – Kinderlos glücklich.
    „Wenn meine biologische Uhr mir etwas sagt, dann, dass ich im besten
    Alter bin, dieses Buch zu schreiben.“
    Immer mehr Frauen bleiben freiwillig kinderlos, nicht nur in
    Deutschland. Aber das Reden über die biologische Uhr ist so
    allgegenwärtig, dass Frauen sich selbst misstrauen, wenn sie die Uhr
    nicht ticken hören. Sie zweifeln ihre eigene Entscheidungsfähigkeit an,
    weil ihnen vermittelt wird, dass sie etwas anderes wollen müssen.
    Geht es ums Kinderkriegen, wird unbeirrt festgehalten an der Vorstellung
    vom angeborenen Mutterinstinkt und an der Idee vom allein seligmachenden
    Glück der Kleinfamilie. Politik und Gesellschaft bauen demografische und
    biologistische Schreckgespenster auf, um an alten Familienkonzepten und
    Geschlechterhierarchien festhalten zu können. Kein Kind zu wollen, gilt
    als unnatürlich, egoistisch oder feige. Sarah Diehl, Mitte 30 und selbst
    kinderlos, hat Frauen interviewt, die freiwillig keine Mütter sind. Sie
    hat erfahren, dass die Gründe vielfältig sind, Egoismus oder Narzissmus
    gehören nicht dazu.
    Ihr Buch ist das überfällige Plädoyer für eine vorurteilsfreie und
    zeitgemäße Einstellung zu weiblicher Identität und für neue Konzepte des
    solidarischen Zusammenlebens.
    https://www.facebook.com/events/600905426706984/?ref=3&ref_newsfeed_story_type=regular
    https://www.facebook.com/DIEUHRDIENICHTTICKT

    #####

    ///

    tristeza :: Cafe- und Barkollektiv

    Pannierstr. 5
    12047 Berlin

    vorläufige Öffnungszeiten:
    MO-FR ab 18 Uhr
    SA&SO ab 14 Uhr

    /// http://www.tristeza.org

  3. valdebaran schreibt:

    “Warum hast du eigentlich keine Kinder?” – “Warum hast du eigentlich keine anderen Sorgen?”

    Das fasst es eigentlich hinreichend zusammen. *laechel*

  4. Kryptische schreibt:

    Grins, oh wie gut ich solche Situationen und Gespräche kenne und wie sehr es mich früher genervt hat kann ich kaum in Worte fassen. Es hilft ja auch oft gar nicht, den Leuten deutlich zu sagen, dass sie dieses Thema ruhen lassen sollen – sie kommen ja immer wieder damit an. In dem Punkt scheint jeder zu glauben, er könnte rumnerven, weils doch so natürlich ist, dass Frauen eben Kinder kriegen und Kinder wollen und beim Anblick eines sabbernden Babys in Verzückung geraten. Ich bin ja soooo froh, dass ich mittlerweile in einem Alter bin, wo ich schlicht und ergreifend behaupten kann: „Es hat leider bei mir nicht geklappt“ und dann werde ich bedauert und man spricht das Thema nicht mehr an, weil man meine Wunden ja nicht anrühren will. Also Kopf hoch, irgendwann bist du auch Alt genug, dass man dich damit in Ruhe lässt 😉

  5. Mamalaus schreibt:

    Steckt vielleicht nicht manchmal hinter diese Frage, dass die Fragende annimmt, dass frau das Kinderkriegen nicht hundertprozentig ausschließen kann, weil der Wunsch einen vielleicht doch nochganz plötzlich ereilt und dann ist es zu spät. Ich kann dies nämlich an mir selbst bestätigen, mich haben fremde Kinder auch nie interessiert und ich bin in meiner Arbeit wirklich aufgegangen und dann von heute auf morgen wollte ich ein Kind haben. Einfach so. Ich bin auch relativ schnell schwanger geworden und dann stellte sich heraus: mit meiner Gebärmutter stimmt was nicht! Das Baby wird keine 40 Wochen in meinem Bauch sein können und so war es dann auch. Diese Frühgeburt und die Gefühlsachterbahn sind für mich traumatisch. Es geht meinem Baby gut, aber trotzdem… Mein Krankheitsbild wäre auch mit 22 kein anderes und es wäre wohl auch da ähnlich abgelaufen… Aber viele Komplikationen entstehen erst mit über 30, so blöd wie das auch ist.
    Warum gibt es das Tabu mal darüber zu sprechen, dass Frau vielleicht nicht die Fruchtbarste (diese Bezeichnung ist in diesem Sinn falsch, weil Frau ja fruchtbar ist, aber andere Komplikationen auftreten können) auf der Welt ist?
    Ich bin wirklich nicht der Meinung, dass frau unbedingt Kinder in die Welt setzen muss, aber alle, die zweifeln, denen möchte ich sagen: Wartet nicht zu lange, denn wenn der eigene Körper dann irgendwann nicht mitspielt, greift das die Seele doch sehr an.

    • schlottekamuffel schreibt:

      Dein Kommentar geht am Thema vorbei. Niemand hat das Recht mir (oder anderen) das Thema Kinder derart penetrant und grenzüberschreitend aufzuzwingen! Ist mir egal, welche Motivation dahinter steckt! (Wenn andere darüber mit Interessierten reden möchten, können sie es tun, ein „Tabu“ gibt es da meiner Beobachtung nach nun wirklich nicht…)

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