Eine Antwort auf den „an.schläge“-Artikel „Kartoffeln mit Falafel-Fetisch“

Neulich fand ich im Netz einen kleinen Text zum Thema „Palästinensertuch“ (auch bekannt unter dem Namen Kufiya). Da mein kritischer Kommentar zu dem Text bei Facebook leider direkt gelöscht wurde, nehme ich mir hier mal die Zeit und den Raum zu schreiben, warum ich den Text kritisiere. Erschienen ist er im Mai 2015 unter dem Titel „Kartoffeln mit Falafel-Fetisch“ im österreichischen Magazin „an.schläge“. Alle Zitate aus dem Text sind hier kursiv wieder gegeben.

Eine Freundin von mir hat Hausverbot in diversen linken Räumen, weil sie sich als Muslima mit ihren Brüdern und Schwestern in Palästina solidarisiert und das durch das Tragen einer Kufiya sichtbar macht.

So, so. Wurde wirklich ein Hausverbot ausgesprochen oder wurde die Frau gebeten, das Tuch einfach abzulegen? Ich kenne Räume in Berlin, die keine Palästinensertücher dulden, von Hausverboten ist mir aber nichts bekannt. Aber vielleicht geht es im Text ja auch gar nicht um Berlin. Ist „Brüder und Schwestern“ in Verbindung mit dem Wort „Muslima“ so zu verstehen, dass alle, die dem Islam angehören, sich als eine große Familie betrachten? Sind dann die vom Islamischen Staat auch die „Brüder“ der Freundin? Oder nur die von der Hamas?

Eine Kufiya, auch bekannt als „Pali-Tuch“, sei ein Symbol des Antisemitismus, so der Vorwurf. Das stimmt mitunter auch. Zum Beispiel, wenn Nazis sie sich aneignen und tragen. Dann ist das sogar sehr einschlägig antisemitisch.

Aha, das Tuch ist nur dann antisemitisch, wenn es von Nazis getragen wird. Und was ist mit dem Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini? Der war Muslim, Araber, kollaborierte mit den Nationalsozialisten, unterstützte die SS und war strikter Befürworter der Ermordung der Juden in Europa. Der Großmufti liebte die Kufiyah, er sah darin ein Symbol des Vernichtungswunschs gegenüber den Juden und verlangte unter Strafandrohung, es sollten gefälligst alle Araber eins tragen. Ganz sicher, dass er kein Antisemit war? Und dass das Tuch nicht bis heute in dieser Tradition verwendet wird? Wirklich ganz sicher? Warum?

Aber sie ist kein Fascho, sondern eine muslimische Frau of Color, die alles andere als antisemitisch ist.

Auch muslimische Frauen of Color können antisemitisch sein. das eine schließt doch das andere nicht aus. So ein Quatsch!

Die Kompetenz zu differenzieren fehlt allerdings vielen weißen Linken, insbesondere Antideutschen.

Die Kompetenz zu differenzieren fehlt leider ganz vielen Menschen. Das ist kein Alleinstellungsmerkmal weißer Linker.

Antideutsche sind für mich grundsätzlich ein steinhartes Pflaster. In der Regel sind es Kartoffeln in ihrer natürlichsten Form, weiße Deutsche mit übertriebenem Israel-Fetisch. Sie eignen sich jüdische Symbolik an, schwingen in patriotischer Manier Israel-Flaggen und wählen zu Teilen sogar die CDU, weil Angela Merkel irgendwann mal bedingungslose Solidarität mit Israel ausgesprochen hat.

Ähm, wie war das noch mal mit der Kompetenz zu differenzieren? Politische Einstellungen sind nicht Teil der Natur, so etwas wächst nicht auf Bäumen. Es gibt nicht die Antideutschen. Eigentlich handelt es sich dabei um einen Kampfbegriff, den israel-solidarische Leute nach meinem Beobachtungsstand so gut wie gar nicht für sich selbst verwenden. Ja, auf pro-israelischen Demos sind Davidssterne und Israel-Flaggen zu sehen. Sie werden als Symbole genutzt, um Solidarität zu zeigen. Was das mit „Aneignung“ zu tun hat, verstehe ich nicht. Ist es dann eigentlich auch eine „Aneignung“, wenn Nicht-Palästinenser die Kufiya tragen? Ja, es gibt auch eine durch Springer-Medienkampagnen und Teile der CDU befürwortete Israel-Solidarität. Aber daraus den Schluss zu ziehen, dass dann ja wohl viele Freund_innen Israels CDU wählen, ist schon wieder Unsinn.

Antideutsche Kartoffeln sind jene, die immer über den Nahostkonflikt sprechen möchten, als gäbe es nur einen einzigen Krieg.

Komisch, nach meiner Wahrnehmung ist es komplett anders herum. Ich frage mich zum Beispiel seit geraumer Zeit, warum eigentlich so oft bei völlig unpassenden Gelegenheit das Nahost-Thema auf den Tisch gepackt wird. Egal um was es geht, Rassismus in Schulbüchern, die Lage der Refugees in der Ohlauer Straße, Christopher Street Day in Berlin – ein bisschen Zeit für Israel-Bashing ist doch immer. Als wenn es keine anderen Themen gäbe, Rassismus zum Beispiel, die Refugee-Probleme, die Homo-Rechte… Interessanterweise spricht da immer niemand über Syrien, dabei ist da seit Jahren Krieg. Muss wohl daran liegen, dass keine Juden beteiligt sind.

Doch alle jüdischen Personen und Leute aus Israel, die ich bisher getroffen habe, scheißen auf die Meinung und Solidarität von Leuten, deren Großeltern mit hoher Wahrscheinlichkeit noch am Holocaust beteiligt waren, und die sich heute schamlos mit Israelpatriotismus schmücken.

Viele jüdische Menschen oder Israelis meiden die Themen Nahost-Konflikt oder auch den Holocaust in oberflächlichen Gesprächen. Weil sie wissen, dass viele Menschen dazu Entsetzliches sagen. Vielleicht haben sie einfach keine Lust, sich beim Bier oder auf einer Party anhören zu müssen, dass das doch eigentlich ganz okay sei, sie alle zu vernichten (Hamas-Position). Oder dass sie als Einzelperson mal bitteschön die gesamte israelische Politik seit 1948 rechtfertigen müssen. Oder dass doch endlich mal Ruhe sein muss mit dieser Shoah. Übrigens ist es durchaus möglich israel-solidarisch zu sein, wenn die eigenen Großeltern NS-Verbrechen begangen haben, warum denn nicht? Für manche ist die deutsche Vergangenheit ein Anlass, besonders sensibel für Antisemitismus zu sein und einzuschreiten, wenn auf Straßen in Deutschland „Juden ins Gas“ gebrüllt wird. Also, ich finde das gut.

Die meisten Antideutschen, die mir begegnet sind, rudern auch gerne ans anti-muslimisch-rassistische Ufer.

Auch das ist zu undifferenziert. Ist jede Kritik am Islam für die Autorin rassistisch? Sollen Enthauptungen durch den IS etwa ganz besonders kultursensibel begutachtet werden? Sollen „weiße Kartoffeln“ also zu Verbechen, die im Namen des Islam begangen werden, lieber schweigen, damit sie nicht rassistisch wirken? (Kurze Klarstellung: Ich weiß, dass der Islam nicht mit dem IS gleichzusetzen ist. Es gibt da viele verschiedene Ausprägungen und Ansichten, zum Glück sind die meisten friedlich.)

In Israel selbst positionieren sich viele Linke pro-Palästina.

Und ziehen dann ganz schnell nach Berlin oder nach Großbritannien, wo sie mit der ganzen Chose nichts mehr zu tun haben und in Sicherheit vor den Anschlägen der Hamas sind. Auf die haben sie nämlich irgendwie nicht so Bock. Die Israelis, die man in Berlin kennen lernt, denken offenbar häufig ganz anders als die, die in Israel leben. Mehr dazu hier

Gewiss: Das antisemitische Spektrum der Linken ist nicht minder gruselig.

Ja. Gruseliger als jeder Horrorfilm.

Wo bleibt die differenzierte Staatskritik? Wann fangen die Kartoffeln endlich damit an, ihre weißen Privilegien zu hinterfragen, bevor sie sich in politische Positionen stürzen?

Dazu hätte ich dann mal ein paar Fragen: Wie lange müssen weiße Privilegien hinterfragt werden, bevor es gestattet ist, eine politische Position zu haben? Reicht es aus zu sagen“Ich bin weiß und habe Privilegien“? Und wer legt fest, wer was „darf“? Die Autorin? Dann möchte ich hiermit bitte beantragen, dass ich eine politische Meinung haben darf.

Zum Beispiel könnten sie auch darüber nachdenken, inwiefern ihr Habitus nicht eher respektlos als solidarisch jüdischen Personen gegenüber ist. Das können die meisten Kufiya-tragenden Personen aus meiner Umgebung nämlich sehr wohl.

Ein schönes Schlusswort des Artikels. Da die Kufiya-Tragenden im Umfeld der Autorin offenbar sehr gebildet und reflektiert sind, ist ihnen also klar, dass sie ein Symbol für die Vernichtung Israels zur Schau stellen. Gut zu wissen.

 

Positionierung: Ich bin eine weiße Cis-Frau mit deutschem Pass. Nichts davon habe ich mir ausgesucht. Ich habe politische Meinungen und äußere sie gerne auch öffentlich. Und ich liebe Falafel. 
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3 Antworten zu Eine Antwort auf den „an.schläge“-Artikel „Kartoffeln mit Falafel-Fetisch“

  1. kimberra schreibt:

    Die Tendenz, „Reflexion der Privilegien“ Politik vorzuziehen kommt mir auch sehr komisch vor. Dahinter mag stecken, dass wer auch einfach mal die Klappe halten sollte, wenn es darum geht, Minderprivilegierte zu Wort kommen zu lassen. OK. Aber dann ganz ins Schweigen verfallen und jede Auseinandersetzung meiden? Finde ich auch keine so hübsch-reflektierte Option.

    • schlottekamuffel schreibt:

      Ich befürworte es sehr, wenn alle mehr über Privilegien nachdenken. Wer vehement leugnet, Privilegien zu haben, leugnet auch die Existenz von Unrecht gegenüber denen, die weniger Privilegien haben. Daher finde ich die Aufgabenstellung „Reflektiere mal deine Privilegien!“ auch echt nicht verkehrt. Auch nicht, die Klappe zu halten, wenn andere reden möchten. Das gilt zum Beispiel immer dann, wenn Betroffene von Diskriminierung berichten. Ich halte es für eine gute Regelung, dass die je nachdem Nicht-Betroffenen, Nicht-Involvierten oder auch Privilegierteren dann schweigen und zuhören müssen. Sie sollten sich auch nicht anmaßen „für“ oder „über“ andere zu sprechen, was immer noch viel zu oft vorkommt, Beispiel Sexarbeit-Debatten, Prostitutionsgesetze usw. Was da von einigen Leuten regelmäßig geäußert wird, ist der pure Paternalismus. Aber ich denke, dass die im an.schläge-Artikel beschriebene Konstellation eine ganz andere ist. Darum habe ich die Frage gestellt, wann denn die mir gestellte Aufgabe erstmal über Privilegien nachzudenken abgeschlossen ist. Ich möchte damit aber nicht die Forderung nach einer Privilegien-Reflexion an sich lächerlich machen.

  2. Nazienkel schreibt:

    Bei pubertierenden Dorfeiern mit fehlendem Hintergrundwissen hat das früher zur Standardausrüstung gehört, neben Räucherstäbchen und Wasserpfeife. War billig und hat warmgehalten.

    Wer aber älter und klüger immer noch mit dem Lappen rumläuft, kauft auch meist keine israelischen Avocados…

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